Kolumne

Respekt und Kniefall

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Erst war der Kniefall als Symbol gegen Rassismus geächtet, nun ist er en vogue. Es gibt gerade viele Zeichen – und Wunder.

Die als französisch geltende Geste, sich zur Begrüßung, und sei es auch nur andeutungsweise, auf die Wange zu küssen, ging in meinem Fall häufig schief. Im Zusammenspiel mit einer in Paris lebenden Freundin, einer Berlinerin, kam es häufig zu Kollisionen, weil ich mir nie habe merken können, mit welcher Wange man eigentlich beginnt.

Endlich, so könnte ich aufatmen, ist Schluss mit dieser Verlegenheit. Corona hat die körperliche Annäherung ein für alle Mal aufgehoben. Es ist jedenfalls mehr als unwahrscheinlich, dass man demnächst zur freundlichen Wangenberührung zurückkehrt.

Aber ich ahne, dass ich genau das einmal vermissen werde, auch wenn ich mir für den Corona-Moment angewöhnt habe, die Arme zur Begrüßung auszubreiten, um damit das Bedauern anzuzeigen, dass es bis hierhin, aber nicht weiter geht.

Einfacher ist es mit dem Pendant unter Männern, sich grobschlächtig zu umarmen und dabei kräftig auf die Schulterblätter zu klopfen. Kerle, die sich begrüßen, prügeln sich nicht. Aber sie wären doch jederzeit dazu in der Lage. Den rapiden Wandel der Begrüßungszeremonien vermisse ich in diesem Fall nicht.

Die Veränderungen des zeremoniellen Repertoires sind keineswegs nur eine Folge der Pandemie. Im Bereich des Sports etwa ist eine auffällige popkulturelle Codierung antirassistischer Statements zu beobachten. Wurden dort wegen des Verbots politischer Botschaften lange eher uneindeutige Zeichen praktiziert, so wurden Solidaritätsbekundungen für den durch einen Polizisten getöteten Afroamerikaner George Floyd zuletzt sogar von den Verbands- und Vereinsspitzen belobigt.

Die Argumentation für die plötzliche Offenheit ist bemerkenswert. Weil es einem großen gesellschaftlichen Konsens entspreche, so gab etwa DFB-Präsident Fritz Keller zu verstehen, sollten in diesem Fall solidarische Gesten nicht bestraft werden. Wenn es dem Volk gefällt, wäre demnach vieles erlaubt.

Das war vor zwei Jahren noch ganz anders. Da hatten die deutschen Fußballnationalspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan posiert, was weithin als politische Unterstützung für dessen autoritaristische Staatsführung aufgefasst worden war. Selbst ein Schlichtungsversuch des deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier geriet zum kommunikativen Desaster.

Für Mesut Özil war die Affäre der Höhepunkt einer verhängnisvollen Geschichte aus Stigma und Kränkung und führte schließlich zum demonstrativen Austritt aus der deutschen Nationalmannschaft. Ein Wille des Volkes – oder auch nur eine Art Konsens – wäre in diesem Fall gar nicht so leicht zu ermitteln gewesen.

Eine andere sportpolitische Affäre hat zuletzt eine erstaunliche Wendung erfahren. Bereits 2016 hatte der US-amerikanische Footballspieler Colin Kaepernick mit einem Kniefall während des Abspielens der Nationalhymne gegen die Tötung afroamerikanischer Staatsbürger infolge gewalttätiger Polizeieinsätze protestiert und nicht zuletzt den Unmut seines Präsidenten auf sich gezogen.

Der Kniefall zur Hymne wurde verboten, unter anderem auch vom Soccerverband USSF. Im Verlauf der Solidaritätskundgebungen für George Floyd wurde es nun wieder zurückgenommen. Es sei falsch gewesen, räumten die Funktionäre ein. Es gibt gerade viele Zeichen – und Wunder.

Von Harry Nutt

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