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Durch die Frühverrentung mit 63 Jahren gehen dem Arbeitsmarkt viele qualifizierte Arbeitskräfte verloren.

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Die Rente mit 63 war ein Fehler - aber nicht das Problem

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Der Streit um die Rente mit 63 ist vor allem ein Ablenkungsmanöver. Firmen und Politik, die jetzt den Fachkräftemangel beklagen, sollten endlich ihre Hausaufgaben machen. Der Leitartikel.

Es ist ein groß angelegtes Frühverrentungsprogramm. Das stimmt. Noch dazu ein sehr teures. Und eines, das nicht mit der Bekämpfung von Altersarmut oder anderen übergeordneten Zielen zu begründen ist. Die Rente mit 63 war der Versuch der SPD unter ihrem damaligen Vorsitzenden Sigmar Gabriel, etwas für die eigene Klientel zu tun. Es profitieren vor allem Facharbeiter, überwiegend Männer, die in Branchen mit vergleichsweise hohen Tariflöhnen beschäftigt waren: etwa in der Automobilindustrie oder im Maschinenbau.

Manche sprechen gar von einem Rentengeschenk für ohnehin Gutsituierte. Und die Arbeitgeber sehen in der Rente mit 63 nun eine schwere Hypothek für den Arbeitsmarkt. Was dabei oft vergessen wird: Den vorgezogenen Ruhestand ohne Rentenabschläge bekommt keinesfalls jeder, sondern nur, wer mindestens 45 Jahre eingezahlt hat: Versicherungszeiten, die in jüngeren Generationen eher die Ausnahme sind.

Rente mit 63: Falsches Signal - aber die Entscheidung sollte Bestand haben

Man kann die Rente mit 63 durchaus als politischen Fehler betrachten: Als falsches Signal ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem die Philosophie der Frühverrentung so gut wie überwunden schien. Man kann das alles lautstark beklagen und darauf hinweisen, dass bewährte Fachkräfte verloren gehen. Nur sollte man eine einmal getroffene Entscheidung nicht zurückdrehen. Nichts ist in der Rentenpolitik so wichtig wie Vertrauensschutz.

Die öffentlichkeitswirksame Kritik der Arbeitgeber am vorzeitigen Rentenbeginn ist vor allem ein Ablenkungsmanöver. Ganz offenkundig soll Aufmerksamkeit von Versäumnissen an anderer Stelle abgezogen werden: davon, dass die Unternehmenskultur allen gegenteiligen Sonntagsreden zum Trotz vielfach immer noch nicht darauf ausgerichtet ist, ältere Beschäftigte länger im Betrieb zu halten. Es fehlt an vielem: an Weiterbildung, an attraktiven Teilzeit-Modellen und an Möglichkeiten, innerhalb des Unternehmens in Jobs mit anderem Tätigkeitsprofil zu wechseln.

Bis zum nächsten Frühjahr muss die von der Bundesregierung eingesetzte Rentenkommission ihre Vorschläge präsentieren. Dabei geht es nicht nur, aber auch um die Frage, ob die Gesellschaft die Rente mit 68, 69 oder gar 70 ansteuern sollte. Die Debatte darüber darf jedoch nicht ohne Betrachtung der Lage am Arbeitsmarkt geführt werden.

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Was den Versuch angeht, den Anteil der erwerbsfähigen Älteren zu steigern, ist die Bilanz ernüchternd. Die Firmen sind auf die große demografische Herausforderung bisher nicht eingestellt. Wenn wie zuletzt mehr als 175.000 Menschen pro Jahr vorzeitig in Rente gehen, und das zum Teil mit hohen finanziellen Einbußen, sollte das zumindest ein Alarmzeichen sein.

Deutsche gehen im Durchschnitt mit 64 in Rente

Nach Angaben der Regierung verabschieden sich die Deutschen im Schnitt mit 64 Jahren in den Ruhestand. Zweifelsohne ist das eine Steigerung gegenüber dem Beginn des Jahrtausends, als das Renteneintrittsalter noch bei 62,3 Jahren gelegen hatte. Doch ist dies weit weniger als notwendig.

Nach Ende des kommenden Jahrzehnts wird die Rente mit 67 für alle Neurentner Realität sein. Und wer die Regelaltersgrenze nicht im Job erreicht, für den bedeutet das Ganze eine dauerhafte Rentenkürzung. Es wäre an Politik und Tarifpartnern, hier Gegenstrategien zu entwerfen, den notwendigen Kulturwandel in den Unternehmen zu befördern.

Das Thema verdient mindestens ebenso viel Anstrengung wie das Bemühen um eine Grundrenten-Lösung für langjährige Geringverdiener. Firmenchefs und Funktionäre, die sich über Fachkräftemangel als Folge der Rente mit 63 aufregen, müssen sich fragen lassen, warum sie nicht Abschied nehmen von Arbeitsverträgen, die mit Erreichen der Regelaltersgrenze auslaufen. Sie sollten endlich auch ihre Hausaufgaben bei Weiterbildung und Gesundheitsprävention machen. Die Politik sollte Anreize für Unternehmen schaffen, die sich in diesem Bereich vorbildlich verhalten.

Und die Arbeitnehmer? Sie sollten Veränderungen einfordern und nicht allein die Belastungen sehen, die ein längerer Verbleib im Job mit sich bringt. Wo es körperlich möglich ist, kann es auch eine Chance sein, länger zu arbeiten. Arbeit bedeutet schließlich auch Teilhabe, Bestätigung und das Gefühl, gebraucht zu werden. Nicht wenige, die lange die Rente herbeigesehnt haben, machen diese Erfahrung: Sie trauern ihrem Berufsleben nach einiger Zeit hinterher.

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