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Ein Sammelband erklärt die "neue" Türkei Erdogans.

Mit „Nach dem Putsch“ ist den Herausgebern IIker Ataç, Michael Fanizadeh, Volkan Agar ein informativer Sammelband zur Lage in der Türkei gelungen. Man beginnt bei der Lektüre von Ayse Çavdars Beitrag langsam die Verzweigungen und das In- und Gegeneinander von türkischen Nationalisten und Islamisten, das Gespinst von Spiritualismus und politischer Organisation, zu begreifen. Zumal einem die Beobachtung sofort einleuchtet, dass ein gemeinsamer Feind – das Militär und der säkulare Kemalismus – eine gemeinsame Front schafft, während der Sieg über diesen Feind die Koalition zusammenbrechen lässt.

Die „neue“ Türkei, von der die Autoren schreiben, ist die Türkei nach dem gescheiterten Putsch von 2016, die Türkei also, die die Gewaltenteilung abgeschafft, mehr als 100.000 Staatsangestellte entlassen und die Alleinherrschaft Erdogans etabliert hat. Es ist aber auch die Türkei, in der die Hälfte der Einwohner gegen Erdogans Türkei eingestellt sind.

Beides zusammen ergibt erst die neue Türkei. Erdogan, der sich noch vor ein paar Jahren als starke Kraft in einem neu zu gestaltenden Nahen Osten sah, muss jetzt begreifen, dass dieser Plan scheiterte. Die Türkei schlingert wirtschaftlich von einer Krise in die nächste. Trotz der jahrelangen Vernichtungsfeldzüge gegen die Kurden sind sie nach wie vor eine wichtige, wenn nicht gar die wichtigste oppositionelle Kraft in der Türkei. 

Der Versuch, die Auseinandersetzungen um Syrien zu nutzen, um auch mit den Kurden außerhalb der Türkei fertigzuwerden, ist gescheitert. Die neue Türkei ist schwächer geworden. Erdogans starke Stellung ist Ausdruck der Schwäche seines Regimes. Das dadurch an Gefährlichkeit eher gewinnt. 

In jedem der Beiträge weist das Buch darauf hin, wie mehrgleisig Erdogan fährt. In seiner Rede zum Weltfrauentag sagte er dieses Jahr: „Die Zeit ist gekommen, um die Religion zu aktualisieren (...) der Islam kann nicht überleben, wenn er die Gläubigen zwingt, die Regeln der Gesellschaft zu befolgen, die es vor 14 Jahrhunderten gab.“ 

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