Kolumne

Reisen bildet

  • Volker Heise
    vonVolker Heise
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Bisher dachte ich immer, Aufklärer würden den Feind ausspähen, nicht ihre Geheimnisse einem ganzen Waggon verraten. Die Kolumne.

Zug fahren macht auch keinen Spaß mehr. Am Bahnsteig wird gedrängelt, Aerosole fliegen durch die Luft, das Knie wird von der Kante eines Koffers getroffen. Mund-Nase-Masken werden getragen oder auch nicht. Männer mittleren Alters stehen mit T-Shirts herum, auf denen fantastische Motive zu sehen sind: Skelette auf Motorrädern, Schlangen winden sich um Frauenkörper, Knarren vor der Flagge der Südstaaten. Ihr Gesichtsausdruck sagt: Ich esse Fleisch roh, bremse nicht für Wölfe und habe keine Angst vor Viren; mein Parfum heißt Röstaroma.

Zum Glück bleibt der Platz neben mir frei. Es geht nach Hamburg, mit dem ICE. Auf der anderen Seite des Ganges wechselt ein Bundeswehrsoldat sein Hemd, stellt seinen Riesenrucksack auf den Platz neben sich, holt das Handy heraus. Keine Gesichtsmaske.

Er ruft zuerst einen Freund an, dann seinen Vater. Gesichtsmaske weiter negativ. Nach fünf Minuten weiß ich alles: wo seine Einheit stationiert ist, wie sein Vorgesetzter heißt, was er in Berlin zu suchen hat (Bewerbung), wie seine Gehaltsvorstellung aussieht (60 000 Euro jährlich) und wie das Vorstellungsgespräch gelaufen ist (super).

Was es in der Kantine zu essen gab (Fleisch), wie die neuen Kollegen sind (Kameraden) und wann der Zug in Hamburg ankommt, was ich aber auch schon vorher wusste. Er gibt zu verstehen, dass er in der Armee den Beruf des Aufklärers ausübt.

Bisher dachte ich immer, Aufklärer würden den Feind ausspähen, nicht ihre Geheimnisse einem ganzen Waggon verraten. Gesichtsmaske weiter negativ. Eigentlich ist es ja erfreulich, dass sich in Deutschland nicht einmal mehr die Soldaten an Regeln halten und den Gehorsam verweigern. Ein deutlicher Fortschritt seit dem letzten Weltkrieg. Zu Hause werde ich trotzdem Fieber messen. Bis dahin: Zeitung lesen.

Sie bringen jetzt jeden Tag außer der Wettervorhersage und der Allergiegefahr auch den Stand der Epidemie. Zahl der Infizierten, Zahl der Toten, Reproduktionszahl mit der Aussicht für die nächsten Tage.

Der große Service-Rundumschlag, in manchen Zeitungen alles auf einer Seite, was man noch ausbauen könnte zu einer großen Stand-der-Dinge-Seite mit den Kandidaten für einen Impfstoff und den meistgeklickten Verschwörungstheorien, über die man allgemein sagen kann: Je weniger die Menschen betroffen sind, desto mehr spinnen sie. Auch das müsste man in einer Tabelle darstellen können mit den Parametern Fakten mal Wahnsinn geteilt durch Todesfälle. Der Soldat ruft seine Frau an. Immer noch keine Maske.

Hinter der Scheibe fliegt Brandenburg vorbei. Das nächste Bundesland auf meiner Reise. Überall gelten andere Corona-Regeln. Viele beschweren sich darüber, ich finde es super. Der Förderalismus rettet Leben.

In Ländern, in denen es zentralistisch zugeht, sieht die Lage deutlich schlimmer aus als in Deutschland. Eine falsche Person an der Spitze und schon fliegt einem der ganze Laden um die Ohren. Dann lieber hier mit Erlaubnis im Chor singen dürfen und dort keine Erlaubnis für den Chor bekommen. Vor Ort wissen sie eh immer besser Bescheid über die Lage als in der Zentrale.

Der Soldat legt auf. Er schweigt eine ganze Minute lang. Meine Chance ist gekommen. Bevor er wieder zum Telefon greifen kann, weise ich ihn freundlich zurecht. „Maskenzwang in öffentlichen Verkehrsmitteln“, flüstere ich ihm zärtlich zu. „Ja, ja“, entgegnet er genervt und ruft sein nächstes Opfer an. Ich fühle mich wie ein Blockwart, was kein gutes Gefühl ist. Ich will doch nur Leben retten.

Noch zwanzig Minuten bis Hamburg. Da darf man im Chor singen.

Volker Heise ist Filmemacher.

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