Ernährungsbericht

Es reicht nicht, gesund essen zu wollen

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Den Deutschen ist gesunde Ernährung wichtig. Trotzdem ist unser Essen voll mit künstlichen Aromen und Supermärkte liefern sich einen Preiskampf an der Fleischtheke. Der Ernährungsbericht macht aber Hoffnung.

Irgendwie passt das nicht zueinander. Denn gäbe der gerade erschienene Ernährungsbericht tatsächlich wieder, wie die Deutschen essen, dann sähen deren reale Einkäufe etwas anders aus.

Gesunde Ernährung steht zwar in den Antworten auf die Umfragen ganz oben auf der Liste. Und dem Bericht zufolge ist den Deutschen das Tierwohl wichtig, wenn es um die Wurst geht. Das wäre gut für die Volksgesundheit und das Schlachtvieh. Aber warum sind die Fleischtheken der Supermärkte dann so stark frequentiert? Es muss doch Gründe haben, dass manche Supermarktketten sich in der Werbung mit sensationell niedrigen Preisen gegenseitig zu unterbieten versuchen, statt sich in der Qualität ihrer Produkte zu überbieten.

Das ist das Dilemma des Berichtes. Er macht keine Aussage, wie sich deutsche Esserinnen und Esser (ja, der Duden erlaubt beide Formen!) verhalten, sondern nur, was sie sagen. Nicht jeder wird wohl gern zugeben, dass ihm bei seiner Ernährung der Preis wichtiger ist als Qualität und Gesundheit. Aber dass es schmecken muss, da sind sich alle einig.

Nun ist das so eine Sache mit den Geschmäckern. Die sind bekanntlich verschieden. Was schmeckt, ist eine sehr individuelle Frage. Wer nur die Tomaten aus dem Plastiktunnel kennt mit ihrem Wasseraroma, kann nicht wissen, wie eine richtige Gartentomate schmeckt. Und wird deren Geschmack folglich auch nicht vermissen.

Separatorenfleisch klingt wie Terminator

Der Gaumen lässt sich vom Industriegeschmack einlullen. Hätte man Zeit, beim Schnelleinkauf eine Lesepause für das Kleingedruckte auf den Verpackungen einzulegen, könnte einem der Appetit auf Industriewurst und Tütensuppen vergehen. Zum Beispiel klingt das deklarierungspflichtige Separatorenfleisch kraftvoll, fast wie Terminator. Es wird vom Knochen abgekratzt und hat mit Fleisch nicht mehr viel zu tun. Es ist ein Billigstzusatz, um Wurst zum Niedrigstpreis herzustellen.

Hühnergeschmack aus der Tüte – weit entfernt von jedem Hühnerkontakt. Erdbeeraroma aus Erdbeeren? Meist Fehlanzeige! Ausgeklügelte Verfahren machen vieles möglich. Tausende von Aromen, die nicht aus den Tieren und Pflanzen stammen, nach denen sie schmecken, werden in die Nahrung eingerührt. Die wunderbare echte Vanille kann leider nicht protestieren, wenn dem Verbraucher an ihrer Stelle ein synthetischer Ersatz untergejubelt wird.

Die Vanille kann sich nicht wehren

Gesundheitsgefährdend sind die synthetischen Produkte wohl nicht, da vertrauen wir mal der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit. Der Industrie bietet der Einsatz von Aromastoffen eine ganze Reihe von Vorteilen. Sie sind viel billiger als die natürlichen Produkte, lassen sich in beliebigen Mengen und unabhängig von Jahreszeiten herstellen und machen es zudem möglich, dass das entsprechende Lebensmittel immer gleich schmeckt.

Aber was heißt schon „natürlich“? Ein natürliches Aroma wird gemäß der gesetzlichen Definition aus natürlichen Ausgangsstoffen gewonnen. Diese müssen nichts, aber auch gar nichts mit den natürlichen Vorbildern zu tun haben, deren Geschmack sie imitieren.

Jedenfalls macht der neue Ernährungsbericht Hoffnung. Die Verbraucher wollen offenbar bewusster konsumieren, gesünder leben. Vielleicht ist es mit ihren Aussagen ähnlich wie mit manch guten Vorsätzen zum neuen Jahr. Sie sind ernst gemeint, scheitern aber schnell an der Realität des Alltags. Immerhin, irgendwann werden sie hoffentlich wahr.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

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