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Hochschulen müssen bereit sein, Studiengänge neu auszurichten und ihr Studiensystem umzukrempeln. 

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Die Reform der Lehre: Ein Quantensprung für die Hochschulen

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Bund und Länder wollen die Lehre weiter verbessern. Sie sollten den Mut zu einschneidenden Reformen haben. Vorbilder gibt es. Der Gastbeitrag.

Die Lehre aufzuwerten und ihre Qualität zu verbessern: Auf dieses Ziel haben sich Bund und Länder im Mai 2019 geeinigt und mit der Bund-Länder-Vereinbarung „Innovation in der Hochschullehre“ eine Nachfolgevereinbarung für den bisherigen Qualitätspakt Lehre aufgesetzt. Vereinbart hat man dort auch, eine „Organisationseinheit“ zu gründen, die künftig gezielt die Hochschullehre in Deutschland fördern soll.

Doch diese Organisationseinheit muss eine richtige Allianz für gute Hochschullehre werden. Denn dann kann sie erstens die relevanten Akteure mitsamt ihrer Expertise einbinden. Zweitens können diese unter ihrem Dach gemeinsame Ziele formulieren, um die Lehre an deutschen Hochschulen nachhaltig zu stärken. Und drittens kann die Allianz so als Wissensspeicher und Impulsgeber für gute Lehre dienen. So kann sie dazu beitragen, allgemeine Lehrstandards zu entwickeln sowie fortlaufend innovative Lehrprojekte zu fördern.

An diesen Prämissen ausgerichtet wäre die Organisationseinheit die gemeinsame und ausstrahlungskräftige Ansprechpartnerin für die Hochschullehre in Deutschland.

Bereits in den vergangenen 20 Jahren hat die Qualität der Lehre an deutschen Hochschulen große Fortschritte gemacht. Ein Zugewinn war zunächst, dass mit der Bologna-Reform in allen Fächern ausführlich über die Studiengang-Struktur und die Curriculums-Entwicklung diskutiert wurde. Daneben haben gerade der Qualitätspakt und der Hochschulpakt die Lehre spürbar vorangebracht.

Daher ist es ein großer Erfolg, dass es der großen Koalition gelungen ist, die Paktmittel zu verstetigen und sogar zu steigern. Denn immerhin sind in den letzten Jahrzehnten die Anforderungen an die Hochschullehre weiter gestiegen: Noch nie studierten so viele Menschen in Deutschland, noch nie war die Studierendenschaft so heterogen. Klar ist damit aber auch: Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind noch nicht gemeistert und der Anspruch, dem wir gerecht werden wollen, ist noch nicht erfüllt.

Wiebke Esdar

Deshalb sollte es jetzt darum gehen, die Erfolge aus dem „Qualitätspakt Lehre“ langfristig zu sichern, dauerhaft in die Breite zu transferieren und in die reguläre Studienstruktur einzubetten. Erst dann werden Verbesserungen in der Lehre einen durchschlagenden Erfolg erzielen. Zwar hat der Qualitätspakt ermöglicht, dass im laufenden Lehrbetrieb viele ambitionierte und innovative Ideen umgesetzt wurden. Diese Zusatzangebote haben Studierende begeistert und unterstützt. Fest steht aber auch, dass viele Verbesserungen noch nicht diejenigen erreichen, die am meisten von ihnen profitieren würden.

Daneben darf der Anspruch, erfolgreiche Projekte in die Breite zu tragen, nicht mehr am Campusgelände enden. Dort, wo Lehrformate digitalisiert werden, sollten sie es nicht nur den Studierenden der eigenen Hochschule ermöglichen, raum- und zeitunabhängig zu lernen.

Viele Einführungsveranstaltungen mit Standardwerken sind deutschlandweit ähnlich. Warum sollen Lehrende und Studierende da nicht etwa von Vorlesungen anderer Hochschulen profitieren? So können wir nicht nur Synergieeffekte und Effizienzgewinne nutzen, sondern auch die Qualität steigern.

Zusätzlich sollten Hochschulen in Deutschland einen richtigen Quantensprung hin zu modernen und attraktiven Studiensystemen machen. Hierbei sollte der Bund finanziell helfen. Denn aus dem Ausland kennen wir Reformuniversitäten wie Maastricht, die schon lange auf problemorientiertes Lernen setzen. Im angelsächsischen Raum sind sehr erfolgreiche Lehr-Lern-Modelle zu finden, bei denen Studierende stärker in Verstehens- und Reflexionsprozessen gefordert werden – als absolutes Gegenmodell zum „Bulimie-Lernen“.

Um das zu erreichen, müssen Hochschulen bereit sein, Studiengänge neu auszurichten und ihr Studiensystem umzukrempeln. Doch so etwas funktioniert nur mit einer attraktiven, auskömmlichen finanziellen Unterstützung.

Und schließlich brauchen wir anerkannte Parameter, die die Qualität der Lehre messen. Die schulbezogene Unterrichtsforschung kann seit Jahrzehnten auf unzählige internationale Studien und Metaanalysen zurückgreifen. Dies endlich für die Hochschullehre anzustoßen, ist überfällig und Aufgabe der bundesdeutschen Wissenschaftspolitik.

Die erfolgreichen Formate und Projekte des Qualitätspakts Lehre in die Breite tragen; die Vernetzung und den Austausch digitaler Lehr-Lernformate ermöglichen; Hochschulen ermutigen und unterstützen, ihr Lehrsystem zu reformieren, gar revolutionieren; und endlich Parameter finden, die die Qualität der Lehre valide messen: genug Aufgaben für eine Allianz für eine gute Hochschullehre.

Wiebke Esdar ist Beauftragte für die Qualität der Hochschullehre in der SPD-Bundestagsfraktion.

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