Kolumne

Reden wir über Geld

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Kohle verdirbt vielleicht nicht den Charakter, aber die Seele der Berliner Innenstadt schon.

Es gibt ja das Vorurteil, dass Deutsche ungern über Geld reden. Ich kann das nicht bestätigen. Mir als Autorin stellen Unbekannte immer sofort die Frage, ob ich denn davon leben könne. Selbst wenn ich darauf hinweise, dass ich ja selbst für ungeübte Beobachter leicht erkennbar noch nicht gestorben bin, reicht ihnen das nicht.

Also gut, reden wir über Geld und Leute, die es haben. In Berlin war das vor 20 Jahren kein großes Thema. Die meisten hatten keins. Deshalb konnte ich als junge Studentin mit ein paar Hundert Euro pro Monat gut über die Runden kommen und relativ problemlos am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Kommerzielles Interesse stand damals im Schatten kreativer Selbstverwirklichung. Mit ein bisschen Glück konnte man aber auch noch in einer Dreizimmerwohnung mit Fischgrätparkett residieren, wenn man dreimal die Woche kellnern ging.

Heute müssen Leute neben ihrem Vollzeitjob noch dreimal die Woche kellnern gehen, um die Fischgrätparkettwohnung behalten zu können. Aber wer weiß, sollte jetzt der Mietendeckel kommen, wird vielleicht alles anders. Schenkt man den Wirtschaftsliberalen Glauben, werden nun die armen Deutsche-Wohnen-Anleger kellnern gehen müssen, um weiterhin wohltätig Wohnraum vermieten zu können.

Im Zuge der ganzen Mietpreisdiskussion wurde jedenfalls immer wieder betont, es gäbe kein Recht auf Wohnen in der Innenstadt. Das stimmt. Aber es gibt auch kein Recht auf Liebe oder Recht auf ein Glas kühlen Rosés an warmen Sommerabenden und es ist trotzdem super, wenn man es hat. Denn wie öde sähen Innenstädte aus, in denen nur wohlhabende Menschen leben?

Reiche sind ja erstaunlicherweise häufig sehr langweilig. Das ist für mich das größte Rätsel, ich wäre eine sehr unterhaltsame Reiche. In dem Bereich sagt man, glaube ich, exaltiert. Aber wahrscheinlich wird man einfach auch nicht reich, wenn man sein Geld lieber in gesellige Runden als in Immobilienfonds investiert.

Gleichzeitig wollen aber auch nicht alle Gutverdienenden nur unter ihresgleichen wohnen, sonst wären lediglich die Mietpreise in Frohnau explodiert und nicht die in Neukölln und Friedrichshain. Die internationale Attraktivität Berlins geht eben nicht vom Prenzlauer Berg aus. Niemand zieht hierher, weil es in Wilmersdorf so nette Boutiquen gibt und kein Tourist kommt wegen Pankows hübschen Villen.

Sogar wenn man so dermaßen kapitalistisch denkt, dass Friedrich Merz einem anerkennend auf die Schulter haute, ist es im Interesse der Stadt, auch ärmere Leute in der Innenstadt wohnen zu lassen. Also selbst, wenn es einem egal ist, ob der Supermarktkassierer pendeln muss oder die arbeitslose Mutter in die Uckermark umsiedelt, damit ein Arztsohn ihre Wohnung in Mitte bekommt, gibt es doch ein übergreifendes Interesse an einer sozialen Heterogenität in der Innenstadt.

Berlins Clublandschaft, die Dönerläden und vietnamesischen Imbisse, die Spätis und die Kulturszene sind Teil des Kapitals dieser Stadt. Gerade die Diversität macht Berlin für viele so attraktiv. Wenn wir das zugunsten des kurzfristigen Profits aufgeben, sägen wir an dem Ast, auf dem wir sitzen.

Ich weiß nicht, ob Geld wirklich den Charakter verdirbt, den Charakter einer Innenstadt meiner Meinung nach aber schon.

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