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Neonazis auf einer Versammlung in Sachsen. 

Rechtsextremismus

Nazis im Osten ignorieren? Folge ist die AfD

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Es hat gedauert, den Verantwortlichen im Westen zu erklären, dass Nazis im Osten auch ihr Problem sind. Ignoranz kann sich bitter rächen. Die Kolumne.

Damals, die 90er, das waren die Baseballschlägerjahre. Die Geschichte dazu betrifft nicht die Ostdeutschen allein. Der Westen hat dazu beigetragen, dass sich die Nazis in jener Zeit so ungehindert ausbreiten konnten. Der Westen tat es durch eine verfehlte Politik, durch Ignoranz und durch Zurückweichen vor Konflikten.

Nazigewalt im Osten - lange ignoriert?

Viele, die im Osten aufgewachsen sind, teilen auf Twitter ihre grusligen Erfahrungen mit Nazigewalt. Sie erinnern an die Jahre, als Naziskins sie durch die Straßen gejagt haben, was ihnen angetan wurde und wie allein sie damit blieben. Ich hatte Glück, denn ich lebte in Berlin und war außerdem nicht mehr in dem Alter, in dem man sich auf der Straße behaupten muss. Und doch hatte ich jeden Tag damit zu tun.

Damals war ich sehr viel in ganz Ostdeutschland unterwegs. Überall traf ich Jugendliche, die von Nazis zusammengeschlagen worden waren. Ihre Geschichten waren furchtbar, ihre Perspektive trostlos. Ganze Regionen wurden von Nazis beherrscht. Für die meisten Jugendlichen gab es dazu keine Alternative. Diejenigen, die trotzdem nicht rechts sein wollten, hatten dafür einen hohen Preis zu bezahlen. Die Polizei jedenfalls half ihnen nicht.

Hegemonie der Nazis im Osten

Jahrelang habe ich versucht, meinen Partnern im Westen zu beschreiben, was da im Osten los war. Die Nazis hatten die kulturelle und reale Hegemonie in weiten Landstrichen. Meinen Freunden im Westen war das nicht zu vermitteln. Ja ja, das gebe es im Westen auch, war eine der Standardantworten. Andere meinten, so schlimm könne es ja nicht sein, denn andernfalls wäre jeder, der Bomberjacke und Glatze trägt, ein Nazi. Und das seien ja dann so viele. Selbst die Grünen, die ich – damals noch in Bonn – deswegen aufsuchte, lächelten nur milde und winkten ab. Auch die hohe Zahl der Todesopfer in jenen Jahren änderte daran grundsätzlich nichts.

Wann sich das änderte? Ich erinnere mich vor allem an zwei Ereignisse. Das eine war, als ich einem meiner bürgerlich-liberalen Freunde in Baden-Württemberg erzählte, wie in Frankfurt/Oder eine Abiturfeier von Nazis gesprengt worden war. Eine Abiturfeier? Abitur, die heilige Reifeprüfung, der Höhepunkt und Inbegriff bürgerlicher Schulkarriere – diese Feier zu stören, das galt als Affront. Da plötzlich wurde das Naziproblem wahrgenommen.

Die neue Rechte bekämpfen – und zugleich nach gesellschaftlichen Ursachen suchen

Naziproblem im Osten - DDR-Alltag

Das andere war ein Dokumentarfilm über die brandenburgische Stadt Schwedt. Die Nazis hatten dort das Sagen und teilten dies auch stolz den Reportern mit. Jugendamt und Stadt ließen sie gewähren. Der Bürgermeister wies jede Kritik scharf zurück und die Polizei zuckte mit den Schultern. Dieser Film bekam schließlich den Civis-Fernsehpreis und löste damit wenigstens ein kleines bisschen Entsetzen aus.

Es dauerte noch Jahre heftiger Diskussionen, um klar zu machen, dass das westdeutsche Konzept der offenen Jugendarbeit in Ostdeutschland am Ende nur „Glatzenpflege auf Staatskosten“ war. Und dass dieses Naziproblem nicht einfach verschwindet. Dass es nicht nur Arbeitslosigkeit war, die es verursachte, sondern dass es auch in der DDR schon zum Alltag gehörte.

Wenn Rechte sich dagegen wehren, in die „rechte Ecke“ gestellt zu werden

Damals war schon klar: Dieses Nazithema muss endlich die gesamte Bundesrepublik beschäftigen, weil sich sonst Ignoranz bitter rächt. Wer heute fragt, weshalb die AfD gerade im Osten so stark ist, darf sich gern an die Baseballschlägerjahre erinnern.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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