Mit Rechten reden?

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Soll man mit Rechten reden? Lohnt sich eine Diskussion? Unser Pro & Contra.

Pro - Diskutieren kann helfen

Von Stephan Hebel

Es ist ja so schön einfach: „Die unglaubliche Schlaffheit linker Positionen, dieses Tee trinken und kuscheln, der Kampf für Sojaburger und Wiesenblumen gehen an dem vorbei, was sich draußen formiert: faschistische Bewegungen, mit denen nicht zu reden ist, weil man nicht gegen Schreien anreden kann.“ So schrieb es Sibylle Berg vor kurzem in ihrer „Spiegel online“-Kolumne. Und deshalb gilt für sie, ganz klar: „Die Zeit des Redens ist vorbei.“

Das ist die übliche Polemik gegen alle, die meinen, dass es außer Antifa-Demos und öffentlicher Ächtung auch noch andere Formen des Umgangs mit rechtem Gedankengut gibt. Die Methode ist immer die Gleiche: Wer ans Reden glaubt, wird als linker Sofa-Schlaffi karikiert, der die Gefahr durch „die Faschisten“ immer noch nicht wahrhaben will – und den Rechten damit das Feld überlässt.

Dummerweise geht das an der Sache vorbei. Wer die Frage „Mit Rechten reden?“ bejaht, plädiert nicht für sozialarbeiterisches Häkeln mit Dumpfglatzen oder AfD-Funktionären. Sondern dafür, die Feindbild-Logik dort zu durchbrechen, wo sie noch brüchig ist. Die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz sagt es so: „Reden selbstverständlich. Ausreden lassen immer. Größte Korrektheit ist angebracht. Es geht ja darum, die Achtung vor sich selbst nicht zu verlieren.“

Das Ja zum Reden gilt weder bei Gewalttätern oder Hitlergruß-Provokateuren, noch gilt es bei den Krawatten-Extremisten, die jede Debatte gezielt mit ihren rassistischen Zielen verseuchen. Für die Ersteren gibt es Gesetze, und die Letzteren wird man entlarven müssen, indem man ihre Lügen in der parlamentarischen oder medialen Öffentlichkeit auseinandernimmt.

Aber was ist mit Leuten, wie sie uns in der Verwandtschaft oder in der Kneipe begegnen? Was ist mit denen, die (noch) kein gefestigtes rechtes Weltbild haben, aber ihren berechtigten oder unberechtigten Frust ausleben, indem sie sich in die Stereotypen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit flüchten? Niemand verlangt, dafür Verständnis zu haben. Aber es ist jeder Mühe – und manches unangenehmen Gespräches – wert, sie mit alternativen Möglichkeiten der Frustbearbeitung zu konfrontieren.

Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre, ganz sicher kein Faschistenversteher, hat einmal geschrieben: „Im normalen Leben ist ein französischer Arbeiter zwar rassistisch. Aber sobald es einen Arbeiterstreik gibt, kommen selbst die Menschen zusammen, die sonst verfeindet sind.“ Will sagen: Es könnte sich lohnen, den Leuten, die sich benachteiligt fühlen und es vielleicht auch sind, eine Alternative zum Hass anzubieten.

Dazu könnte es nützlich sein, ein Werkzeug zu benutzen, das wir Demokraten besser beherrschen als jeder Mitläufer der Rechtsextremisten: das Argument. Nein, wir werden sie damit nicht alle erreichen. Mit vielen werden wir das Gespräch abbrechen müssen. Aber wenn wir nur eine oder einen erreichen, hat es sich gelohnt. Warum sollten sich Linke diesen Idealismus, diesen Glauben an ihre Überzeugungskraft verbieten?

Contra - Nazis raus!

Von Katja Thorwarth

Nein, mit Rechten will ich nicht reden. Es ist noch nicht allzu lange her, da wäre dies als selbstverständlich erklärt und maximal für Jugendpsychologen und Sozialarbeiter als optionale Karte gezogen worden. Nationalismus samt Anhänger fristeten ein Dasein in der geächteten Schmuddelecke, und der Widerstand gegen einen wie auch immer gearteten Vorstoß ins gesellschaftliche Epizentrum wurde selbst von den Konservativen mitgetragen.

Jetzt sitzt die AfD mitsamt völkischen Grundrauschens im Bundestag, was ohne tief verwurzelte Fremdenfeindlichkeit nicht hätte funktionieren können. Der Nationalismus ist im Mainstream angekommen und darf all die Leute an die Oberfläche spülen, die vorher ihre Klappe zu halten hatten. Entsprechend ist der Tabubruch vollzogen und Geschichtsrevisionismus sowie die vorsätzliche Falschbehauptung einer bevorstehenden „Umvolkung“ werden öffentlich diskutiert.
Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um die Höckes oder deren Mitläufer handelt. Die Funktionäre, so hallt es aus den Echokammern, müsse man stellen; in ihrer Falschheit durch gezielt analytisch-kluges Fragen entlarven. Dass dieses „Entlarven“ die Meinungsführer bislang in ihrer Popularität nicht beschädigt hat – geschenkt. Reden wollen die Echokammer-Vernünftigen trotzdem, insbesondere mit den „abgehängten“ Opfern eines kapitalistisch losgelassenen Polit-Establishments. Mit ihnen muss immer und überall geredet werden, denn sie gilt es zurückzuholen, heim in die Sphäre des bürgerlichen Rassismus. Den bekommt aber auch, wer die Union wählt.

Weniger soziale Ungleichheit plus mehr Kuschelkurs ergibt weniger AfD. Das ist die Gleichung, die ignoriert, dass die Fremdenfeinde längst parlamentarisch vertreten sind. Und die dieser Partei viel zu verdanken haben: nämlich offen so deutsch-national zu sein, wie sie es vorher an ihren Stammtischen waren.

Entsprechend geht das „Miteinander Reden“ immer mit der Tolerierung eines fremdenfeindlichen Status quo einher. All die Pro-Argumente einer Entlarvung oder gesellschaftlichen Befriedung können nur funktionieren, wenn man gedanklich auf die Rechten zugeht. Umgekehrt werden die das nicht tun. Die zwanghafte Suche nach Berührungspunkten um des Diskurses Willen weicht im Zweifel nur die eigene moralische Haltung auf und stellt humanistische Prinzipien zur Diskussion.

Das sollte eigentlich die Grundwerte der diskursiv aktiven Demokraten erschüttern, doch vermutlich meinen die sowieso eher ein verbales Umerziehungsprogramm, wenn sie von „Reden mit Rechten“ sprechen. Dann sollten sie es auch so benennen.

Außerdem sollte aufgefallen sein, dass im Austausch mit rechten Funktionären die Redseligen sich nur gegenseitig bestätigen, während der politische Gegner kalt lächelnd die nächste Bühne betritt. Eben weil er weiß, dass es um Deutungshoheit geht – und die erlangt man nicht über den Austausch, sondern über Populismus. Welchen Grund also gibt es, mit Rechten zu reden? Ich habe keinen.

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