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Birgit Kelle kämpft gegen die „Gender-Ideologie“.  

„Verein Deutsche Sprache“

Rechte Sprachkritik und Gender-Paranoia: Das Gerede von der angeblichen Normalität

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Der „Verein Deutsche Sprache“ verwechselt Sprachkritik mit Antifeminismus und verschärft gerade die Agitation gegen geschlechtergerechte Sprache. Die Kolumne.

Beim „Verein Deutsche Sprache“ (VDS) scheinen sie richtig aus dem Häuschen zu sein. Die Gruppe, die mit „Ich spreche gerne Deutsch“ im schwarz-rot-goldenen Logo wirbt und sich ursprünglich dem Kampf gegen Anglizismen verschrieben hat, verschärft gerade ihre Agitation gegen geschlechtergerechte Sprache an allen Fronten.

VDS - Kampf gegen „gendergerechte Sprachpolizei“

In einer „spektakulären Aktion“, gemeint ist übrigens das Verteilen von Flugblättern, werden Studentinnen* dazu aufgerufen, juristisch gegen „sprachpolizeiliche Genderregeln“ ihrer Universitäten vorzugehen. Die „Mutigen“ mögen doch „ungerechte Noten“ anprangern, Betroffene würden inhaltlich und finanziell unterstützt. Ob es bereits Opfer einer Sprachpolizei gegeben hat, lässt der Verein allerdings offen.

„Schluss mit Gender-Unfug“, heißt es weiter auf der Website, wo der digitale Widerstand beworben wird. Der Verein, dem der Medienjournalist Stefan Niggemeier bereits 2016 „Pegida-Haftigkeit“ attestierte, hat sich mit den üblichen Kampfbegriffen gewappnet; blöd halt, dass das sprachlich wenig Sinn ergibt, und noch blöder, dass das ausgerechnet von selbsternannten Sprachbewahrerinnen* kommt.

Gender ist die neutrale Bezeichnung für „soziales Geschlecht“

Fürs Protokoll: Gender ist die englische, neutrale Bezeichnung für das „soziale Geschlecht“, also für die verschiedenen Geschlechterrollen innerhalb der Gesellschaft. „Gender-Unfug“ meint somit übersetzt, unterschiedliche Geschlechterrollen seien Unfug. Wie erklären wir das nur „Gender Gaga“-Autorin Birgit Kelle, die stets brav gegen eine vermeintliche Geschlechterangleichung anschreibt?

Weiter klärt der Verein über den fehlenden Zusammenhang zwischen dem grammatischen und dem natürlichen Geschlecht in der Sprache auf. Der mag sprachlich fehlen. Dass „alles Weibliche sich seit 1000 Jahren von dem Wort ‚das Weib‘ ableitet“, und es angeblich keinen störe, ist hingegen patriarchales Wunschdenken. 

Tatsächlich sind das Mädchen oder das Fräulein mit einem sächlichen Artikel, weil verkleinernd, versehen. Dies aus dem einfachen Grund, dass die Frau eben nur jene wurde, die sich in die normative Hetero-Ehe überführen ließ. Entsprechend ist hier das Femininum sozio- und machtstrukturell an die Beziehung zum Mann gekoppelt. Diesen Fakt haben die Damen und Herren unterschlagen – und dass dies in den letzten 1000 Jahren durchaus gestört hat, lässt sich daran erkennen, dass es das Fräulein nicht mehr gibt.

Antifeminismus als Gender-Sprachkritik verkleidet

Vermutlich wird hier den Verhältnissen der 50er Jahre hinterher getrauert und das Ganze in Sprachkritik verkleidet. Es klingt zu sehr nach den Antifeministinnen* der AfD oder der Roll-Back-Verfechterin Birgit Kelle, die als Gastrednerin gerne von der rechts-christlichen „Demo für alle“ gebucht wird. Kürzlich erst hatte sie auf der Buchmesse Gender zur „Ideologie“ erklärt, die das Ziel verfolge, den „neuen Menschen“ zu kreieren und die „Normalität“ zu brechen.

Welche Normalität denn? Vater-Mutter-Kind und ein lebenslanges Ehegelöbnis vor Gott? Da wird eine Paranoia formuliert, ganz so, als gebe es demnächst Menschen aus einem „ideologischen“ Baukasten, die die alten abzuschaffen gedenken. Klingt nach dem behaupteten rechten „großen Austausch“ und ist gleichsam eine durchschaubare Verschwörungstheorie von Traditionalistinnen*, die den röhrenden Hirschen in jedem Wohnzimmer vermissen.

Eigentlich könnte man sie ja mit ihrem Hirschbraten vor sich hin schmoren lassen, würden nicht emanzipatorische Errungenschaften einem Mackergestrampel geopfert, dem Frauen wie Kelle zuarbeiten. Bedenklich, dass das als Sprachkritik verkauft wird.

* Männer sind an dieser Stelle mitgemeint.

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