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Raus, raus, raus

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Von: Volker Heise

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Der „Exit“ ist schwer in Mode. Aber da geht sicher noch mehr, zum Beispiel Euxit oder Naxit oder Flexit oder Moxit.

Im Felde unbesiegt. So klang es nach dem Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft gegen das Team aus Frankreich: Eigentlich der Hammer, dieses Team, aber aus seltsamen Gründen konnte es nicht zuschlagen. Es war das Wetter, es war der Schiedsrichter, es war die Uefa, es waren die Verletzten, es war alles, nur nicht die Tatsache, dass die deutsche Mannschaft keine Tore geschossen hat, was ja immer noch die Ultima Ratio des Fußballs ist. Reden wir also nicht mehr lange um den heißen Brei herum und bekennen: verdienter Dexit.

Die Wortendung -exit löst zur Zeit bei Reportern und Schlagzeilenmachern ähnliche Fantasien aus wie bisher nur das gute alte „-gate“, das über die Jahre auf den Hund gekommen ist. Begonnen hatte es mit Watergate als großer Verschwörung, Rücktritt von Nixon, außerdem Robert Redford und Dustin Hoffman im Film zum Skandal. Etwas kleiner, einen Tick provinzieller, aber immer noch gut für ein paar Rücktritte war das Waterkantgate um Uwe Barschel. Das wurde zwar auch verfilmt, aber ohne Redford und Hoffman. Zuletzt führte das Nippelgate ein nur noch tristes Dasein am Rand der Weltnachrichten.

Dagegen ist -exit noch frisch und duftet nach schnellen, sauberen Lösungen. Mit -exit wird einmal das ganze Problem vom Tisch gewischt: raus aus der EU (Euxit), raus aus der Nato (Naxit); raus mit den Moslems (Moxit), raus mit den Flüchtlingen (Flexit) und in Berlin-Kreuzberg, wo ich wohne: raus mit den Nazis (Hitlexit), auch wenn keiner weiß, wohin mit ihnen, was schon immer das Problem der Exit-Strategen war: Was passiert am Tag danach?

George Bush und Tony Blair waren in dieser Hinsicht wahre Exit-Größen, vielleicht sogar seltene Prachtexemplare ihrer Art. Sie dachten, man müsse nur Saddam Hussein abschießen (Sadexit) und zum richtigen Herrgott beten, und schon würde Demokratie einziehen im Nahen Osten – was sich zu einer der größten politischen Fehlentscheidungen unseres jungen Jahrhunderts ausgewachsen hat (Nixis).

Max Weber machte unter Politikern zwei Typen aus: Die einen, die Gesinnungspolitiker, folgen hehren Zielen, ohne die Folgen ihrer Taten zu beachten. Die anderen, die Verantwortungspolitiker, rechnen nur mit den möglichen Folgen und drohen vor lauter Bedenken nicht ans Ziel zu kommen. Obwohl Weber immer betonte, ein guter Politiker müsse beide Seiten in sich tragen, war seine Sympathie eher auf Seiten der Verantwortung. Neun von zehn Gesinnungspolitikern, schrieb er, seien Windbeutel, doch konnte er nicht Boris Johnson, Nigel Farage und ihre deutschen Pendants kennen, sonst hätte er die Quote auf 99 von 100 erhöht und einen neuen Typen von Politiker ausgemacht: den Pexit, das Hohlgeschoss der Demokratie.

Mir kam das Wort Exit zum ersten Mal während des Zivildienstes unter, im Krankenhaus. An einem Freitag, kurz vor 17 Uhr, steckte die Oberschwester ihren Kopf in das Raucherzimmer und sagte: Exit in 210. Die anderen Zivildienstleistenden stöhnten und sagten, der Neue solle es machen. Dreißig Minuten später schleppte ich mit einem Kollegen einen 150-Kilo-Körper auf einer Bahre in die Leichenhalle, wegen Stromausfall mussten wir die Treppen nehmen. Die letzten Sätze der Krankenakte des Toten lauteten „Exitus letalis“ – tödlicher Ausgang. Hoffentlich hat er an den Tag danach gedacht.

Volker Heise ist Filmemacher.

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