Kolumne

Von Ratten und Lemmingen

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Sozialistische Staaten haben ihre Bürgerinnen und Bürger angeblich vereinheitlicht. Aber sind nicht die Menschen in "freien" Staaten viel konformistischer?

Eigentlich kann es ja nur gut sein, auf Erfahrungen anderer zurückzugreifen. Ratten zum Beispiel sind Meister in dieser Disziplin. Rafft eine der Verzehr von Vergiftetem dahin, verschmähen fortan alle anderen das vermeintliche Leckerli. Das schützt die Population und stärkt sie obendrein, da in der Regel immer die Doofsten als Erste ans Buffet drängen. Die Cleveren überleben und machen weitere Clevere und so fort.

Sieht man von den sprichwörtlichen Lemmingen ab, hält sich so gut wie jedes Viehzeug an diese Regel, sie nistet in den Genen. Manche drehen den Spieß auch um und überleben gerade dadurch, dass sie es anderen nachtun.

Sie bilden Herden und Schwärme und halten potenzielle Feinde durch ihre schlichte Masse ab, ergänzt durch geschickte, verwirrende Manöver. Besonders Stare, Antilopen und Sardinen beherrschen das perfekt. Ihnen sagt man „Schwarmintelligenz“ nach.

Die spannende Frage stellt sich nun: Lässt sich das auf den Menschen übertragen? Ja, aber leider. Denn meistens driftet es ins Tumbe ab, sobald Menschen Mengen bilden. Bestes Beispiel sind Heere. Zigtausende, Hunderttausende oder gar Millionen Bewaffneter, die nichts anders im Schilde führen, als zu töten.

Oder zeugt es etwa von Intelligenz, wenn stündlich weltweit Millionen von Menschen in die Filiale eines bestimmten Schnellrestaurants rennen und dort etwas in sich hineinstopfen, das teuer, fett und ungesund ist, wenig Nährwert besitzt und nachgewiesenermaßen dick, picklig und abhängig macht?

Man sagte einst sozialistischen Staaten nach, sie vereinheitlichten ihre Bürger. Aber sind nicht die Menschen in sogenannten freien Staaten noch viel konformistischer?

In der DDR fuhren alle Trabi, weil es kein anderes Auto gab. Nun, in Ost und West des neuen Deutschland, essen plötzlich alle Süßkartoffeln – obwohl der freie Markt Hunderte anderer Sorten von Sättigungsbeilagen bereithält. Hauptsache mitmachen bei der Mode, ob es einem schmeckt oder nicht. Früher steuerte die Partei, heute tut diese eine geheime Macht, die mittels Trendsetting, Public Relation und Werbung das Volk viel perfekter an der Zügel hält, als es je ein Politbüro vermochte.

Mehr denn je wollen alle gleich sein, es den anderen nachtun, nicht auffallen – und fühlen sich dennoch individueller denn je. Selbst der Nonkonformismus ist zur Bewegung geworden, auch Verweigerer werden von der Industrie bedient – oftmals ohne es zu merken. Kann man das Schwarmdumpfheit nennen?

Früher wurden solche Nachahmer belächelt und mit Spitznamen bedacht. Im Schwäbischen etwa hießen sie „Adabeis“ im Angelsächsischen „Me Toos“ (was mittlerweile eine ganz andere Bedeutung gewonnen hat). Die Angleichung ist mittlerweile zur Normalität geworden.

Nur beim Dahinscheiden will niemand dabei sein. Das Ableben war noch nie in Mode. Fast jeder in unserer Gesellschaft fühlt sich angesichts der Endlichkeit einzigartig, unersetzlich, grenzenlos wichtig, mithin nahezu unsterblich. Und denkt, ausgerechnet er bliebe verschont von Krebs, Schlag und Infarkt – entgegen aller Prognosen aus Wissenschaft und Empirie. Das Absurde daran: Ausgerechnet in diesem überzogenen Selbstbewusstsein sind sich alle schon wieder gleich. Womöglich gleicher als jemals zuvor.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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