Kolumne

Rating-Agenturen auf Ramsch

Die Finanz-Bewerter sprechen Urteile über Volkswirtschaften. Aber vom Sozialkapital eines Landes wissen sie nichts.

Von Jochen Hörisch

Es gibt Worte, die man kaum mehr hören kann, obwohl oder weil sie vor Kurzem noch selten zu hören waren. Das Wort ,Rating’ gehört dazu. Es hat eine geradezu unheimliche Konjunktur. Unheimlich am Rating der Bonität ganzer Länder ist vieles: dass nicht recht durchschaubar ist, wer aufgrund welcher Kompetenz wem welchen Rang zuweisen darf, dass Rating-Agenturen ihrerseits nicht geratet werden und dass Rating nicht nur die Bonität ganzer Volkswirtschaften konstatiert, sondern auch massiv beeinflusst. Wenn aufgrund eines bald einzuräumenden technischen Fehlers ein Land seine Bestbewertung verliert, kann das dieses Land teuer zu stehen kommen. Die Rating-Agentur hat ihren Fehler hingegen nicht teuer zu büßen.

Unheimlich ist vor allem, welche Daten die Rating-Agenturen berücksichtigen und welche sie nicht in ihre Rechnung einbeziehen. So überschätzen sie fahrlässig Werte wie das Bruttosozialprodukt eines Landes, zu dem Faktoren wie Unfälle, Krankheiten und Katastrophen erheblich beitragen. Würde alle Bürger eines Landes jährlich einen teuren Autounfall provozieren, so trügen sie damit zum Anwachsen des Bruttoinlandsproduktes erheblich bei. Denn Automechaniker, Juristen und Versicherungen würden daran glänzend verdienen. Dergleichen Berechnungsprobleme zu erkennen, gehört nicht zu den Stärken der Rating-Agenturen. Sie sind in bestürzender Weise blind gegenüber dem – um mit dem Basler Ökonomen Alexander Dill zu formulieren – Sozialkapital eines Landes.

Sozialkapital lässt sich nicht so einfach berechnen wie die Folgekosten eines Autounfalls. Zum materiellen Wohl einer Gesellschaft aber trägt es entschieden bei – zum Allgemeinwohl sowieso. Ob Eltern ihre Kinder zu angenehmen Zeitgenossen oder zu Kriminellen erziehen, ob Nachbarn sich vertragen oder gegeneinander prozessieren, ob Familien Kranke pflegen oder nicht – all das trägt zum Sozialkapital erheblich bei. Die politische Kultur desgleichen. Wenn US-Republikaner Demokraten bis aufs Messer bekämpfen und jede Steuererhöhung für Reiche zur Sünde wider den Heiligen Geist erklären oder wenn italienische Politiker viel Verständnis für die Mafia aufbringen bzw. selbst mafiös sind, sind die Möglichkeiten zur Haushaltskonsolidierung gering – auch wenn das Bruttosozialprodukt steigt. Ein Beispiel: Die Staatsverschuldung Belgiens stieg in den vergangenen Jahren erheblich; misst man sie am Bruttosozialprodukt, so sank sie hingegen leicht . Man kann so oder so rechnen; und man kann ins Grübeln kommen, wenn man das Sozialkapital eines zerrissenen Landes wie Belgien bedenkt. Über die Kreditwürdigkeit eines Landes entscheiden – wie ein Blick auf die skandinavischen Staaten zeigt, die vor einem Jahrzehnt kooperativ ihre Haushaltsprobleme lösten – eben nicht nur Zahlen, sondern auch Erzählungen, Stimmungen und Mentalitäten.

Wer ratet die Rating-Agenturen, die nicht nur danebenliegen, wenn sie wie Standards&Poor der Lehman-Brothers-Bank kurz vor der Pleite eine gute Note geben? Deutlich wird mit der Banken- und Staatsschuldenkrise, dass viele einflussreiche Spieler an den Finanzmärkten nicht nur falsch rechnen, sondern auch falsch denken. Nicht nur Köpfe, die komplex genug denken, um Faktoren wie das Sozialkapital einzubeziehen, haben Gründe, der einen oder anderen Rating-Agentur die Note C=Ramsch zu geben.

Jochen Hörisch ist Germanistik-Professor in Mannheim.

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