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Sie stehen halt doch irgendwie alle eher rechts, so wie hier bei einer Demo im München.

Rassismus und Homophobie

Wenn Rechte sich dagegen wehren, in die „rechte Ecke“ gestellt zu werden

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Sollte überhaupt jemand in die Ecke gestellt werden? Und wenn ja, wer bestimmt darüber, in welcher jemand sein soll? Die Kolumne.

Die Ecke hat schon seit längerem einen verdammt schlechten Ruf. Immerhin hatte sie bis 1997 als erzieherische Zwangsmaßnahme für all jene Pädagoginnen und Pädagogen herhalten müssen, die das Verbot des Rohrstocks nie haben verwinden können und die die in Ungnade gefallenen Zöglinge in ihre verhasste Ecke verbannten.

Im Idealfall mit dem Gesicht zur Wand, auf dass die Rotzgöre die Schuld am eigenen Leib spüre und die Blicke der Unbescholtenen auf ihrem Rücken lasten – ausgestoßen, verbannt, eben in die Ecke gestellt, bis der Lehrmeister ein Einsehen habe mit dem kleinen Sünderlein.

Mittlerweile steht dieses Züchtigungsinstrument unter Strafe, dennoch – oder womöglich gerade deshalb – fühlt sich ständig jemand im übertragenen Sinne „in die Ecke gestellt“. Bevorzugt in die rechte, wobei mitunter auch er oder sie betont, sich in selbige nicht stellen zu lassen.

Wenn schon eine Ecke, dann doch am ehesten die rechte

„Kaum sagt jemand die Wahrheit, wird er in die rechte Ecke gestellt. Verkehrte Welt“, heißt es unter einem Post von Alice Weidel, die für eine linksliberale Haltung bislang nicht bekannt ist. Entsprechend scheinen Anhänger der sogenannten Alternative für Deutschland besonders häufig von der Eckensanktion einer Autorität betroffen, wenn sie „die Wahrheit“ sagen.

„Es wird konsequent verunglimpft und mit … Fake News in die rechte Ecke gestellt. Ich bin stolzes AfD-Mitglied und gerne rechts“, verstolpert sich munter andernorts ein Kamerad und bestätigt zumindest unfreiwillig, dass für AfD-Anhänger wenn schon eine Ecke, dann doch am ehesten die rechte in Frage käme.

Tatsächlich muss es nicht immer die Rechte sein, die gerne auch mit „Schmuddelecke“, genauso bäh, assoziiert wird. Ein Autor in der „Neuen Zürcher Zeitung“ mahnt an, dass möglicherweise all jene in die „Ecke der Schwulenhasser“ gestellt würden, die sich gegen eine Erweiterung der Anti-Rassismus-Strafnorm auf Homo- und Bisexuelle in der Schweiz aussprechen.

Das ist mal ein interessanter Dreh. Da will ein Gesetz vor Diskriminierung schützen, doch die Gegner drehen ihrerseits fix den Spieß um, indem sie vor einer möglichen „Zensur“ warnen, weil man sich wohl demnächst nicht mehr trauen würde, zu formulieren, was man ja wohl mal wird sagen dürfen. Ohne selbstverständlich in der „Schwulenhasser“-Ecke platziert zu werden.

Könnte es sein, dass sich die Rechte ihre eigene Ecke konstruiert hat?

Leute, ist das alles nicht ein bisschen verdreht? Zum einen wird hier eine Autorität konstruiert, die, der traditionellen Züchtigungsmaßnahme folgend, scheints entscheidet, wer sich in der entsprechenden Ecke einzufinden habe. Wobei zum anderen halluziniert wird, dass dies mit irgendwelchen Sanktionen, weil negativ assoziiert, verbunden sei. Welche Autorität oder Sanktionen sollten das denn sein? Etwa der Pranger links-versiffter Gutmenschen?

Ist es nicht vielmehr plumpe Strategie eines gesellschaftlichen Roll Back, der sich in der Opferposition in Stellung bringt? Und ist die „rechte Ecke“ als angeblich aufgezwungene Zuordnung insofern nichts anderes als eine verweigerte Auseinandersetzung mit den eigenen rechten Positionen?

Es muss doch auffallen, dass sich niemand beschwert, in die „linke“ Ecke gesteckt worden zu sein. Könnte es sein, dass sich die Rechte ihre eigene Ecke konstruiert oder praktischerweise aus der reaktionären Pädagogik übernommen hat? Um sich selbst hineinzustellen und dem unliebsamen Gegenüber die Karte des Aggressors unterzujubeln? Nicht unclever, aber halt auch ziemlich durchschaubar.

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