Nach dem Tod von George Floyd wurde auch in Deutschland gegen Rassismus demonstriert.
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Nach dem Tod von George Floyd wurde auch in Deutschland gegen Rassismus demonstriert.

Kolumne

Rassistischer Vorfall in Berlin: Auch in Deutschland besteht Handlungsbedarf

  • Anetta Kahane
    vonAnetta Kahane
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Die Schwarze Frau, die mitten in Berlin beleidigt wird. Der Polizist, der ihr droht. Die Passantin, die sie anbrüllt: Rassismus ist keine Spezialität der USA.

  • Im Juni 2020 kommt es in einer Drogerie in Berlin zu einem rassistischen Vorfall.
  • Rassismus in Deutschland wird noch immer bestritten.
  • Doch um Rassismus zu sehen, muss man nicht Richtung USA schauen.

Es ist Juni 2020 mitten in Berlin. Eine junge Frau spricht weinend und wütend zugleich vor einer Filiale der Drogeriekette Rossmann in die Kamera. Sie berichtete, was ihr gerade widerfahren ist. Eine Verkäuferin hat sie rassistisch beleidigt. Sie verlangte nach dem Bezahlen, die Karte zu sehen und den Ausweis, was bei niemandem sonst nötig schien. Sie unterstellte der jungen Frau Betrug, wegen des Namens der jungen Frau. Sie schrie sie an. Die Filialleiterin kam dazu und schrie ebenfalls, so, wie eine Frau, die von draußen kam und die Schwarze Frau anbrüllte.

Auch in Deutschland gehört Rassismus zu Struktur und Alltag

Der vierjährige Sohn der jungen Frau begann sich zu fürchten. Sie holte die Polizei. Zwei Polizisten erschienen. Der eine bedrohte die junge Frau. Wenn sie eine Anzeige wegen Rassismus stellen wolle, könne sie wegen Falschaussage ins Gefängnis kommen. Die Zeugen protestierten und bestätigten die Geschichte der jungen Frau. Ihr kleiner Sohn fragte voller Angst, ob die Mama jetzt ins Gefängnis müsse. Der Polizist ignorierte die Zeugen.

Ich sehe das Video der jungen Frau und bin wütend. Und es bricht mir das Herz. Die Anstrengung, in einem Land zu leben, in dem Rassismus zu Struktur und Alltag gehört, ist wahnsinnig groß. Ständig gibt es Reaktionen, ständig müssen Schwarze Menschen auf der Hut sein, schnell zu reagieren. Egal worauf. Abwertung, Anmache, Gewalt, Herablassung. Da gibt es keine Chance, einzutauchen in eine angenehme Normalität, denn Schwarze Menschen tragen die Last des Rassismus auf ihrer Haut.

Rassismus wird nach wie vor bestritten

Es sollte eigentlich umgekehrt sein. Die Rassisten sollten die Last tragen. Das tun sie aber nicht; manche, weil sie Rassismus okay finden, andere, weil sie sich strikt und oft aggressiv weigern, ihre Haltungen als rassistisch wahrzunehmen.

Welcher Kategorie nun die Verkäuferinnen, die brüllende Kundin oder der Polizist angehören, können sie wohl nur selbst beantworten. Rassistisch haben sie sich jedenfalls alle verhalten. Das Schlimmste für Schwarze Menschen oder andere, die nicht weiß sind, ist es wohl, wenn Rassismus gegen sie allgemein wie konkret bestritten wird. Wenn ihnen ihre Wahrnehmungen ausgeredet, ihre Erlebnisse uminterpretiert werden. Wenn sie bezichtigt werden, selbst schuld zu sein. Das ist in vieler Hinsicht verletzend und auf vielen Ebenen. Jemandem den Verstand abzusprechen, das Urteilsvermögen und das Recht darauf, auf Unrecht hinzuweisen, ist abwertend und niederträchtig.

Es ist Zeit, mit Rassismus aufzuräumen

Wie kann ernsthaft geleugnet werden, dass auch in Deutschland Rassismus ein Problem ist? Wie sollte es das nicht sein? Was in aller Welt sollte gerade die Deutschen bisher davon abgehalten haben, genau wie andere rassistisch zu sein? Bisher hat es hier keine ehrliche Auseinandersetzung mit Rassismus gegeben. Reden, ja. Auch so manches Seminar. Doch eine Meldestelle für rassistische Vorfälle? Die gibt es nicht.

Was ist also mit dem strukturellen Rassismus? Was mit einer Verkäuferin, die sagt, die junge Frau kann gar keine Kreditkarte haben, weil sie Schwarz ist? Oder dem Polizisten, der ihr mit Gefängnis droht? Oder dem einen oder anderen Schwarzen Kind in der Schule, das systematisch entmutigt wird?

Nein, der Rassismus in Deutschland liegt noch überall rum. Es ist Zeit, endlich damit aufzuräumen, statt immer nur auf die USA zu zeigen.

Dass das Thema noch immer aktuell ist, zeigt ein neuer Rassismus-Vorwurf gegen Rossmann.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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