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Blackface: Vor rund 100 bis 200 Jahre war diese rassistische Praxis in der US-amerikanischen Theater- und Kleinkunstszene populär geworden.

Blackfacing

Schminkt es euch ab! Blackfacing ist Rassismus

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Schreibt es euch hinter die Ohren: Blackfacing ist keine harmlose Maskenspielerei.

Es ist mehr als 20 Jahre her, da stand ich auf einer Bühne. Ich hatte wochenlang für diesen Moment geübt, ich war furchtbar aufgeregt, als ich anhob, mein Musical-Solo zu singen. Hunderte Menschen klatschten (die Aula meiner früheren Schule ist riesig), und es war so ein berauschendes Gefühl, dass ich mich nach der Aufführung nicht abschminkte, sondern mit dem Theater-Make-up im Gesicht in der U-Bahn nach Hause fuhr.

Ich weiß noch, dass auf einem der Sitze unweit von uns weißen Mittelstufenschüler*innen an diesem Abend ein Schwarzer Mann saß und dass ich ihm zunickte, in dem Empfinden, etwas verbinde mich mit ihm. Ja, ich war überzeugt davon, er müsse mein Aussehen in diesem Moment gutheißen, meine Maskerade als Kompliment empfinden. Mit meinem zugekleisterten Gesicht suchte ich nach der Anerkennung, die mir zuvor aus dem Applaus der Schulgemeinde entgegengeschlagen war. Allein, ich fand sie nicht.

Heute weiß ich, dass mein etwa 15-jähriges Ich sich damals rassistisch verhalten hat. Dass ich es nicht wusste, erst recht nicht beabsichtigte, ändert nichts daran, in welcher Tradition ich mich bewegte. Die Maske, die ich an diesem Abend um die Jahrtausendwende trug, heißt Blackface. Rund 100 bis 200 Jahre zuvor war diese rassistische Praxis in der US-amerikanischen Theater- und Kleinkunstszene populär geworden: Weiße Menschen malten sich das Gesicht schwarz an, teils mit Kohle oder Schuhcreme, um Schwarze Menschen zu karikieren und herabzuwürdigen. 

Blackfacing ist Rassismus: Schwarze wurden als dümmlich und naiv dargestellt

In einer rassistisch strukturierten Gesellschaft, in der Schwarze Menschen unterdrückt und ausgebeutet, versklavt und ermordet wurden, bedienten sich die Blackface-Mimen gezielt rassistischer Stereotype, um ihr weißes Publikum zu unterhalten. In den Minstrel-Shows wurden Schwarze per Blackface-Performance als dümmlich, naiv und stets fröhlich dargestellt und die gewaltvolle Realität der Sklaverei massiv verharmlost. Die rassistischen Bilder nahmen Einzug in die Alltagskultur, in Film, Fernsehen oder Werbung – beispielsweise für Schuhcreme.

Natürlich wollte unsere Schule all dies ganz gewiss nicht gutheißen. Ich vermute sogar stark, dass meine damaligen Lehrkräfte es als eine Art antirassistischen Akt gesehen haben, dass sie die neunte und zehnte Jahrgangsstufe ausgerechnet das auf dem gleichnamigen Roman von Edna Ferber basierende Musical „Show Boat“ von Jerome Kern und Oscar Hammerstein II aufführen ließen und dafür uns fast durchweg der weißen, deutschen Mittelschicht entstammende Jugendliche in die US-amerikanischen Südstaaten des 19. Jahrhunderts versetzten. Aber Unkenntnis oder Ignoranz lassen rassistisches Verhalten nicht antirassistisch werden. 

Dass unsere Schminke und das explizit rassistische Vokabular, dessen wir uns auf der Bühne bedienten, problematisch und zutiefst verletzend für Schwarze Menschen sein könnten, darüber hat niemand mit uns gesprochen. Und das, obwohl gerade dieses Musical seit seiner Uraufführung 1927 immer wieder auch kritisch diskutiert wurde – aufgrund seiner, trotz guter Absichten, stereotypen Schwarzen Charaktere. Und wegen Blackfacings. „Meine“ Rolle, die afroamerikanische Köchin Queenie, wurde schon in der ersten Inszenierung von einer weißen Schauspielerin mit Blackface gespielt – und auch Irene Dunn, Hauptdarstellerin einer „Show Boat“-Verfilmung von 1936, trug schwarze Schminke und grotesk überzeichnete Lippen.

Rassismus in Deutschland: Blackfacing ist hierzulande noch immer nicht geächtet

Nun könnte man denken, 20 Jahre nach meiner Schultheateraufführung sei die Debatte in Deutschland weiter. Im Theaterbetrieb wird seit Jahren, nicht zuletzt angestoßen durch die Kritik von Initiativen wie Bühnenwatch oder der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, intensiv über Blackfacing diskutiert. 2014 wählte eine Jury unter Vorsitz des Sprachwissenschaftlers Anatol Stefanowitsch ob der zunehmenden Verwendung im deutschen Sprachgebrauch das Wort Blackfacing zum Anglizismus des Jahres. Stefanowitsch skizzierte in seiner Laudation damals die Hypothese, dass die unterschiedlichen Blackfacing-Vorfälle der jüngeren Jahre im deutschsprachigen Raum „möglicherweise Ausformungen eines gemeinsamen rassistischen Grundgedankens sind: Weiße Menschen müssen nicht auf Schwarze Menschen hören, wenn es um deren Lebenswelten geht“.

Dafür, dass an Stefanowitschs unbequemer Hypothese leider einiges dran ist, spricht, dass Blackfacing hierzulande noch immer nicht wirklich geächtet ist. Abseits fragwürdiger Theaterinszenierungen tauchen schwarz geschminkte Gesichter beispielsweise unter Sternsingerkindern und insbesondere in der Karnevals- und Fastnachtszeit in unschöner Regelmäßigkeit auf – und die Kritik daran stößt auf die immer gleichen Abwehrreflexe: das sei nicht rassistisch gemeint, Kunst und Karneval dürften alles, mit Rassismus und US-amerikanischer Blackface-Geschichte habe all dies nichts zu tun.

Blackfacing: Karnevalist*innen verweisen gerne auf die Tradition der Fastnacht

Marie-Sophie Adeoso arbeitet nach Jahren als FR-Redakteurin heute für die Bildungsstätte Anne Frank.

Doch selbst wenn man so täte, als könnte man sich aus den Bezügen einer Tradition lösen, die aus den USA kommend auch in europäischen Theater- und Kinosälen Einzug hielt und kolonialrassistische Praktiken festigte, die auch hierzulande fortwirken. Selbst wenn man sich über den Protest von Menschen hinwegsetzte, die von Rassismus betroffen sind und wieder und wieder darauf hinweisen, dass schwarz geschminkte Weiße sie verletzen. Selbst wenn man all dies ausklammerte: Könnte man dann wirklich mit voller Überzeugung behaupten, die in Verbindung mit Blackface oft getragenen Karnevalskostüme seien wertfrei, gar wertschätzend? 

Kann man, wenn man im Onlineshop ein „Afrikaner“-Kostüm bestellt und dabei per Mausklick die kulturelle Vielfalt von mehr als 50 Staaten auf einen Bastrock reduziert, wirklich annehmen, es könnte eine Form der Anerkennung sein, die körperlichen und kulturellen Merkmale eines Menschen zu karikieren – und sich dabei genau jener rassistischen Bilder zu bedienen, die jahrhundertelang zur Entwertung, Entrechtung, Entmenschlichung jener Menschen herangezogen wurden?

Engagierte Karnevalist*innen verweisen gerne auf die lange Tradition der Fastnacht. Darauf, dass es eine obrigkeitskritische Kultur sei, die Hierarchien auf den Kopf stelle und Menschen ermögliche, verkehrte Welt zu spielen. Doch welche Hierarchie wird umgekehrt, wenn man als weißer Mensch einen Schwarzen Menschen darstellt mittels eben jener rassistischen Stereotype, die aus einer Zeit stammen, in der das weiße Europa die Rassentheorie erfand? Und sich damit selbst an die Spitze einer wissenschaftlich nicht haltbaren Hierarchie setzte, um zu rechtfertigen, warum es – entgegen den eigenen Werten von Aufklärung und Menschenrechten – den Rest der Welt ausbeutete? Welche Obrigkeit wird hinterfragt, wenn ein Angehöriger der Mehrheitsgesellschaft das Aussehen von Minderheiten persifliert, die in diesem Land tagtäglich Rassismus erleben?

Blackfacing ist für alle Schwarzen Menschen eine weitere Erfahrung von Rassismus

Es ist erst wenige Wochen her, dass mein Schwarzer Sohn mich spätabends zu sich rief und mich bat, seine Locken abzuschneiden, weil ein Kind im Kindergarten ihm wiederholt gesagt hatte, „mit solchen Haaren“ dürfe er nicht mitspielen. Ich kann beim besten Willen nicht darüber lachen, wenn mir schwarz geschminkte Jecken auf der Straße entgegenkommen, die sich Knochen in die Afrohaarperücke gesteckt haben. Für sie mag es ein Spaß sein – für meine Kinder, meinen Mann und alle anderen Schwarzen Menschen in diesem Land ist es eine rassistische Erfahrung mehr, die ihnen aufzeigt, mit welchen Bildern im Kopf man auf sie schaut. Auf sie und übrigens auch auf andere von Rassismus betroffene Gruppen – mit langgezogenen Augenwinkeln, „Yellowfacing“ und „Tsching-tschang-tschong“-Kauderwelsch asiatische Menschen zu persiflieren, ist selbstredend ebenfalls rassistisch.

Ich würde mir und meinen Kindern deshalb auch kein „Indianerkostüm“ anziehen. Weil schon der Begriff „Indianer“ eine kolonialistische und homogenisierende Fremdbezeichnung für ganz unterschiedliche Kulturen ist, denen das hierzulande seltsam populäre Karl-May-Zerrbild in keiner Weise gerecht wird. Mal ganz abgesehen davon, dass ich es wenig geschmackvoll finde, die von Kulturvernichtung, Vertreibung und Genozid geprägte Geschichte der Native Americans zum Anlass für einen harmlosen Kostümierungsspaß zu benutzen, egal wie bewundernd das rassistische Klischee des „edlen Wilden“ dabei verkörpert wird.

An diesem Punkt wird die Debatte um Kostümierungsfragen zwar noch deutlich komplexer, weil es nicht mehr allein um unveränderliche körperliche Merkmale wie Hautfarbe oder Augenform geht, sondern um kulturell oder spirituell konnotierte Kleidungsstücke, Frisuren, Accessoires oder Handlungsweisen. Seit einigen Jahren wird so mit dem Begriff der „kulturellen Aneignung“ neben Federkopfschmuck- und Mokassin-Kostümen beispielsweise auch kritisiert, wenn weiße Menschen – ob im Karneval oder im Alltag – Dreadlocks tragen, sich einen Bindi auf die Stirn malen oder Tribal-Tattoos stechen lassen.

Karneval kann vom Weglassen des Blackfacing nur profitieren

Viel entscheidender als die Frage, ob man sich dem dabei zugrundeliegenden Kulturbegriff anschließen mag, finde ich mit Blick auf anstehende Kostümierungsanlässe aber schlicht ganz grundlegende Fragen des zwischenmenschlichen Respekts: Warum muss ich partout an einer Verkleidung festhalten, wenn jene, die damit dargestellt werden sollen, sich in ihrer Würde verletzt sehen? „Ich bin kein Kostüm“ – unter diesem und ähnlichen Slogans gab es in den vergangenen Jahren in Nordamerika und auch in Deutschland Kampagnen, mit denen Angehörige verschiedener marginalisierter Gruppen dagegen protestierten, dass ihre Identität als Halloween- oder Karnevalskostüm herhalten musste. Gerade wenn es um den Kita-Fasching oder eine Schultheateraufführung geht, ist es doch kein Akt der Unmöglichkeit, sondern vielmehr wünschenswert, dass Eltern und andere involvierte Erwachsene darüber nachdenken, wie sich Kinder verkleiden können, ohne dabei diskriminierende Stereotype zu reproduzieren.

Ich jedenfalls wäre im Nachhinein betrachtet dankbar, wenn mich vor 20 Jahren wenigstens eine reflektierte erwachsene Person darauf hingewiesen hätte, in welche Tradition ich mich stellte, als ich mir das Gesicht schwarz färbte. Und auch die hiesige Karnevalskultur kann in puncto Fantasiegehalt eigentlich nur davon profitieren, wenn nicht mehr der verstaubte Bastrock aus der Dachbodenkiste gekramt oder der Federkopfschmuck von der Stange gekauft wird, mit dem seit Jahrzehnten die halbe Stadt zum Fastnachtsumzug geht.

„Schwarz“ mit großem S ist eine Selbstbezeichnung vieler People of Colour, die verdeutlichen soll, dass es nicht um eine biologische Eigenschaft, sondern eine soziokulturelle Identität und einen politischen Begriff geht.

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