Immerhin: Noch immer demonstrieren viele Menschen gegen Rassismus in Deutschland.
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Immerhin: Noch immer demonstrieren viele Menschen gegen Rassismus in Deutschland.

Kolumne

Rassismus in Deutschland: Allein auf weißer Flur

  • Anetta Kahane
    vonAnetta Kahane
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Die Verzweiflung darüber, wie sehr Rassismus hingenommen und ignoriert wird, kann einem ganz schön zusetzen. Die Kolumne.

Gestern habe ich lange mit meiner Freundin telefoniert. Bestimmt zwei Stunden. Was man so redet auf Distanz: Gesundheit, Familie, Stress aller Art. Wir sprachen über die Ruhe während des Lockdowns, das Vogelzwitschern und wie sich Zeit in diesen Zeiten anfühlte.

Eigentlich wollten wir das Thema Rassismus vermeiden, denn dann lärmt es im Kopf und im Herzen. Rassismus in Deutschland ist bei uns kein Nebengeräusch, kein Rauschen, sondern ein Dröhnen von der Ohnmacht. Es macht einen schrillen Ton von Unrecht, es hört sich an wie ein Sirenenlärm der Gewalt. Sie ist schwarz, ich bin Jüdin, wir hören das jeden einzelnen Tag.

Deutschland ist schon lange nicht mehr nur weiß

In den letzten Wochen hatte sich die Tür einen winzigen Spalt geöffnet, hinter der die Realität des Rassismus liegt. Ein großer Teil der Bevölkerung ist inzwischen davon betroffen, denn ob man nun will oder nicht, Deutschland ist schon lange nicht mehr nur weiß.

Trotzdem wird meine Freundin öfter von der Polizei kontrolliert, öfter in Geschäften ignoriert, öfter auf Behörden hinterfragt, anmaßend und immer wieder zu Erklärungen genötigt als Menschen wie ich, die ihre Geschichte nicht auf der Haut tragen. Neulich überquerten wir eine schmale, verkehrsberuhigte Straße, und ein Auto näherte sich langsam. Als der Fahrer meine Freundin sah, grinste er und trat aufs Pedal. Er verfehlte uns nur knapp.

Hengameh Yaghoobifarah wird wegen einer Kolumne tagelang bedroht und beschimpft

Dieser Blick in den Alltag von Millionen Menschen in Deutschland dauerte nur kurz. Nach den Demos gegen Rassismus knallte diese Tür wie mit einem Windschlag wieder zu. Und als ob das nicht genug wäre, wehte er, ganz so, als wäre es der Ausgleich, die Gegenoffensive herbei.

Hengameh Yaghoobifarah wurde wegen einer Kolumne tagelang bedroht und beschimpft. Der Bundesinnenminister persönlich wollte Anzeige wegen Volksverhetzung stellen für eine Aussage, die absichtsvoll verzerrt worden war.

Die Reaktion auf eine Kolumne von Hengameh Yaghoobifarah ist erschreckend

Selbstverständlich sollte eine Person, die Hengameh Yaghoobifarah heißt, auch ein Recht auf Empörung haben, die der Artikel ausgelöst hat. Aber eben auch ein Recht auf Gleichbehandlung. Die aberwitzige Unverhältnismäßigkeit der Reaktion auf die Kolumne ist erschreckend. Der rechte Shitstorm gegen „taz“-Autor:in Hengameh Yaghoobifarah folgerichtig, Todesdrohungen inklusive.

Darf sich diese junge deutsche Person mit iranischem Namen etwa keine Satire über die Institution Polizei leisten, die viel zu oft rassistisch handelt? Darf sie sich nicht benehmen wie andere Satireschreiber auch? Wieso? Ist das hier etwa die Quittung dafür, dass einige Tage lang ausnahmsweise etwas genauer über Rassismus in Deutschland gesprochen wurde? Türschlitz nur, aber immerhin?

Die Kolumne von Hengameh Yaghoobifarah (Mitte) in der „taz“ über Rassismus in der Polizei sorgt für viel Aufregung.

Rassismus in Deutschland: Ganz allein auf weißer Flur

Die Verzweiflung darüber, wie sehr Rassismus hingenommen und ignoriert wird, kann einem ganz schön zusetzen. Und wenn das über Jahre geschieht, das ganze Leben hindurch, macht das etwas mit den Menschen.

Meine Freundin sagt mir immer, sie hätte es sich zur Regel gemacht, nur eine von zehn Portionen Rassismuslärm pro Tag bis in ihre Seele vorzulassen, weil sie sonst vielleicht „unhöflich“ werden würde. Oder aber den Spagat zwischen der Welt vor und der hinter dem Türspalt nicht schaffen könne. Ob ihr das gelinge, fragte ich sie am Schluss. Na ja, sagt sie mir, ich muss. Sonst bin ich ganz allein auf weißer Flur.

Ein Bild im Städel ist ebenfalls Teil einer Rassismus-Diskussion. Die Verantwortlichen verteidigen den Künstler.

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