+
Ein Straßenschild mit dem Namen "Lüderitzstraße", benannt nach Adolf Lüderitz, in Wedding.

Deutsche Kolonialzeit

Noch immer sind in Berlin Straßen nach Rassisten benannt

  • schließen

Das darf so nicht bleiben, auch wenn die AfD schäumt und die CDU Einwände gegen die Umbenennung vorbringt. Die Kolumne in der FR.

Mit Straßennamen ist es so eine Sache. Was sich eingebürgert hat, wird verteidigt wie ein Gewohnheitsrecht. Nun ja, nicht immer und in jedem Fall. Die Berliner sind recht gut klargekommen, als nach der Wende aus dem Karl-Marx-Platz der Schlossplatz wurde und aus der Clara-Zetkin-Straße die Dorotheenstraße. Es gelte, „historische Einseitigkeiten und Verfälschungen der SED zu korrigieren“, meinte damals der CDU-Bausenator. Wo käme man auch hin, wenn die Adresse des Bundespresseamtes nach einer überzeugten Frauenrechtlerin und Kommunistin benannt wäre!

Ganz andere Gestalten hält das Bündnis „Decolonize Berlin“ als Namenspatron für unzumutbar. Ihre Aktivisten kämpfen seit Jahrzehnten dafür, Straßenschilder, die berüchtigten Kolonialherren gewidmet sind, zu entfernen und durch solche zu ersetzen, die an die afrikanische Unabhängigkeitsbewegung erinnern.

Vor allem in Wedding huldigt man den deutschen Kolonien

Von Straßen dieser Art gibt es in Berlin, einst deutsche Kolonialmetropole, mindestens zehn. Ausgerechnet das Afrikanische Viertel im Wedding weist eine gewisse Konzentration an Ehrung für Mitgründer ehemaliger deutscher Kolonien auf.

Die Lüderitzstraße ist nach Adolf Lüderitz benannt, der die Einheimischen in Deutsch-Südwestafrika, heute Namibia, beim Landerwerb systematisch übers Ohr haute. Der Nachtigal-Platz geht auf Gustav Nachtigal zurück, ein Afrikaforscher, der nebenher Gräueltaten deckte. Noch infamer ging Carl Peters vor, dem die Nazis 1939 die Petersallee widmeten – einem Rassisten, der sich in Deutsch-Ostafrika mit Terrormethoden hervorgetan hatte. Aus Wut über die Untreue seiner schwarzen Geliebten ließ er gleich deren Heimatdorf niederbrennen.

Widerspruch von der CDU

Es ist überfällig, dass die unrühmlichen Namen solcher Menschen aus dem Straßenbild verschwinden. Und das werden sie wohl auch – irgendwann. Die Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Mitte, mit zuständig für den Wedding, hat mit rot-rot-grüner Mehrheit im April 2018 nach jahrelangem Vorlauf die Umbenennung der inkriminierten Straßen beschlossen. Aber gegen das Verfahren hagelte es Widersprüche von Bürgern im Kiez, die die Sache für unnötigen Quatsch halten.

CDU-Politiker wiederum wandten ein, besagte Petersallee beziehe sich längst auf einen anderen Peters, nämlich ihren einstigen Parteifreund Hans Peters, ein Gegner des NS-Regimes, der später die Berliner Verfassung mitentwarf. Der hätte aber Besseres verdient als einen verschämten Hinweis am Petersalleeschild, der wie hineingemogelt wirkt.

Die AfD schäumt gegen fremdländisches Zeug

Doch nicht deswegen schäumte die AfD, Bezirk Mitte, über „geschichtsrevisionistische Bilderstürmerei“. Schon eher stört sie sich daran, dass anstelle kolonialer Straßennamen solch fremdländisches Zeugs wie Maji-Maji, eine Parole aus dem größten afrikanischen Befreiungskampf zu deutscher Kolonialzeit, rücken soll. Anna Mungunda und Cornelius Fredericks, die in Namibia im Widerstand ihr Leben ließen, gefallen ihr als neue Namensgeber nicht besser. Lieber alles lassen, wie es ist. Es gebe schließlich drängendere Probleme. Ach ja?

Womit wir bei den globalen Themen sind wie Klimawandel, Flucht und Migration. Deren Ursachenkette führt zurück auf die westliche Kolonialpolitik. Insofern kann die Ameisenperspektive auf vermeintlich Belangloses wie Straßennamen durchaus den kosmopolitischen Blick schärfen. Übrigens nicht nur in Berlin. Eine Lüderitzstraße etwa gibt es laut Google-Maps auch in Kiel und Bremen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare