Gewalt von Jugendlichen

Randale in Stuttgart Das „Problemtier“ Junger Mann braucht unsere Hilfe

  • Viktor Funk
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Wer die Gewaltorgien wie in Stuttgart beenden will, kommt um unbequeme Fragen nicht herum.

  • In Stuttgart kam es zu Randalen und Plünderungen.
  • Es wurde über die Täter spekuliert. 
  • Die Frage ist, was junge Männer dazu antreibt. 

Im Buch „Kurzer Roman über ein Verbrechen“ schildert Ralph Hammerthaler das Leben von Jugendlichen in der deutschen Provinz. Sie drehen Pornos, es kommt zur Gewalt. Der Roman basiert auf wahren Geschichten. Das Leben der Jugendlichen ist monoton, frustrierend, es bietet wenig Reize, sich kreativ zu entfalten, dafür umso mehr Zeit, destruktiv zu sein.

Stuttgarter Randale: Gründe sind komplex

Die Gründe für ihr Verhalten sind komplex. Auch das Verhalten der Stuttgarter Randalierer lässt sich nicht so schnell und einfach erklären, wie es in den wenigen Stunden nach der Gewalt versucht wird. Und es ist auch kein Widerspruch, die Gewalt zu verurteilen, den PolizistInnen Solidarität auszusprechen und zusätzlich genauere, Zeit fordernde Ursachenforschung zu betreiben. Denn es geht um mehr als um Stuttgart.

Dass eine Polizeikontrolle allein zur Gewalt geführt haben soll, ist unglaubwürdig. Sie kann der Funke gewesen sein, der etwas zum Explodieren brachte, aber sie war ganz sicher nicht die Ursache für den Exzess. Die Polizei selbst sagt, dass die Aggressivität seit Wochen wuchs.

Wäre es möglich gewesen, sie einzudämmen? Welche Versuche gab es? Halfen sie oder erhöhten sie eher das Konfliktpotenzial? Handelt es sich bei den Gewalttätern um eine geschlossene Gruppe? Planten sie ihre Randale? Die Antworten auf diese Fragen werden nur die Taten der Nacht erklären können, sie werden für die juristische Verfolgung der Täter wichtig sein. Aber sie werden nicht ausreichen.

Randale in Stuttgart: Warum diese Gewaltorgie?

Langfristig für die Gesellschaft wichtiger ist eine andere Frage, nämlich: Warum toben sich manche in Gewaltorgien aus? Sich mit dieser Frage zu beschäftigen, bietet keine kurzfristige politische Rendite. Für Rechtskonservative bis Rechte ist es vorteilhafter, die Erklärung für Gewalt in bestimmten Kulturen oder pauschal im „Migrationshintergrund“ zu suchen. Von der anderen Seite tauchte zumindest auf Twitter auch die Unterstellung auf, die AfD könnte die Gewalt in Stuttgart provoziert haben, um wieder Aufmerksamkeit zu erhalten. Bis auf Applaus aus dem eigenen politischen Lager hilft das alles nicht weiter.

Die wichtigeren Fragen sind die schwierigeren. Obwohl im Langzeitvergleich die Gesellschaft in Deutschland friedlicher geworden ist, kommt es doch regelmäßig zu solchen Ausbrüchen. So legten sich beispielsweise im vergangenen Jahr in Starnberg in Bayern Dutzende Schüler mit Polizisten an. Und bei den sogenannten Hygienedemos gegen die Corona-Auflagen kam es ebenfalls zu Gewalt gegen die Staatsmacht.

Randale in Stuttgart macht Autoritätsverlust deutlich

Es könnte also sein, dass mehr Menschen als früher staatliche Machtstrukturen infrage stellen. Wie kam es zu diesem Autoritätsverlust und zu dieser Machtverschiebung? Welche Verantwortung dafür hat vielleicht auch der Staat beziehungsweise haben seine Repräsentanten? Es sind immer alle Seiten in Machtverschiebungen involviert, es ist nie eine Seite allein.

Warum immer wieder Männer zwischen 15 und 25? Das ist die nächste unbequeme Frage. Es ist kein Geheimnis, dass Männer in diesem Alter die gefährlichste Gruppe darstellen – für ihre Umgebung, aber auch für sich selbst.

Gewalt wie in Stuttgart - sinnstiftend

Wann sprechen wir darüber, dass das „Problemtier“ junger Mann auch Hilfe braucht? Was in unserer Gesellschaft führt dazu, dass Gewalt für bestimmte Jugendliche sinnstiftend wirkt? Welche Vorbilder haben sie? Bieten wir Jugendlichen nicht nur eine diffuse Idee von Freiheit, sondern zeigen wir ihnen auch Wege auf, wie sie sich konstruktiv entfalten können? Lehren wir sie, Konflikte friedlich zu lösen? Erreichen wir alle?

Mögliche Antworten auf diese Fragen würden keinen Gewalttäter von seiner Verantwortung freisprechen. Im Gegenteil: Je bewusster sich jemand seiner eigenen Handlung ist, desto klarer ist auch die eigene Verantwortung. Zu behaupten, dass polizeikritische Kolumnen oder die Black-Lives-Matter-Demonstrationen die Gewalt begünstigten, ist absurd. Wer das als Erklärung bemüht, weigert sich, die eigentlichen Fragen zu stellen.

Zerstörerisches Verhalten wie in Stuttgart erkennen 

Für seinen „Kurzen Roman über ein Verbrechen“ wählte Ralph Hammerthaler kein Happy End, aber in der Realität gab es eins. Nachdem er der Stadt anonymisiert von den realen Umtrieben der Jugendlichen berichtet hatte, war der Schock so groß, dass die Politik plötzlich ein offenes Ohr für die Jugendlichen hatte. Ein Jugendhaus, für das es jahrelang angeblich kein Geld gab, wurde rasch wieder geöffnet.

Es geht also um die Bereitschaft, sich unangenehmen Fragen zu stellen. Nur so können wir das zerstörerische Verhalten mancher Jugendlicher früh erkennen und eindämmen. Leicht ist diese Aufgabe nicht und vor allem nicht bequem. (Von Viktor Funk

Jetzt wurde eine Tonspur eines Polizisten nach den Randalen in Stuttgart öffentlich. Sie zeigt, warum der Rassismus-Vorwurf gegen Teile der Polizei berechtigt ist.

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