Elektromobilität

Die deutsche Autoindustrie schafft die Wende nur unter Druck

  • schließen

Nur unter großem Druck scheint die deutsche Autoindustrie das Problem Elektromobilität lösen zu können. VW macht nun die ersten Schritte. Der Leitartikel.

Technische Innovation hat in Deutschland meist mit dem Auto zu tun. Ob Sensoren oder Kunststoffschaum, ob Roboter, LED-Leuchten, hochfester Stahl oder Klebestreifen – kaum eine Industrie liefert nicht im großen Stil an die Autohersteller. Was sie brauchen, wird produziert, was ihre Probleme löst, wird entwickelt. Und weil Autos teuer und die Ansprüche der Kunden hoch sind, haben es viele Lieferanten weit gebracht auf ihrem jeweiligen Feld. Seit Jahrzehnten bürgt das für wirtschaftlichen Erfolg.

Eine komplette Wertschöpfungskette ist entstanden, die dafür sorgt, dass jeder Beteiligte sein Produkt perfektioniert – mehr allerdings nicht. Denn das Ganze ist auch eine Schicksalsgemeinschaft, aus der niemand ausbrechen kann. Was nicht in die hergebrachte Autologik passt, hat wenig Chancen. So ist das deutsche System prädestiniert für Feinschliff am bekannten Produkt. Für den großen Bruch ist es nicht gemacht.

Das beweist die Einführung der Elektromobilität seit über einem Jahrzehnt. Es war der Herbst 2008, als erstmals eine „Nationale Strategiekonferenz Elektromobilität“ ehrgeizige Ziele formulierte. Unter anderem sollte 2020 eine Million Elektroautos auf deutschen Straßen fahren. Wenig wurde erreicht, und manche Erkenntnis von damals wird bei jedem der ungezählten Autogipfel wiederholt. Plattformen wurden gegründet und Arbeitsgruppen installiert. Wer ihre Berichte liest, denkt hinterher zweierlei: Darauf wäre ich auch gekommen und – so entsteht nichts Neues.

Wenn die Elektromobilität jetzt doch mit Macht vorankommt, hat das zwei ganz andere, viel einfachere Gründe: Wir verdanken es radikalen Abgasvorschriften, die mit Feinschliff am Verbrennungsmotor nicht mehr zu schaffen sind, und einem Abgasskandal, der alle Schlupflöcher geschlossen hat. In der Autowelt vor dem Skandal zählten die Entwickler jedes Gramm CO2, das sie mit Dieselantrieb, Ausnahmeregeln und der Gnade des Prüfstands herausholen würden. Nach dem Skandal ist das eine sterbende Kunst.

Das Symbol des Wandels ist Volkswagens ID.3, der neuerdings in Zwickau vom Band läuft und hunderttausendfach verkauft werden soll. Es gibt ihn nicht wegen der 2008 gesetzten Ziele oder wegen Mobilitätsplattformen und Arbeitsgruppen. Es gibt ihn, weil Volkswagen nach dem Abgasbetrug um fast jeden Preis neue Wege gehen muss. Plötzlich scheint das Risiko der radikalen Innovation kleiner zu sein als das Festhalten am Bekannten.

Nun rollen die neuen Autos an, aber an den Rahmenbedingungen fehlt es immer noch – elf Jahre nach dem ersten E-Autogipfel. Das Ladenetz ist noch nicht so weit, es gibt keine einheitlichen Abrechnungssysteme, manche Firmen scheinen plötzlich vom Tempo des Wandels überrascht, und die Beteiligten geben sich gegenseitig die Schuld: Die Industrie habe die Zeichen der Zeit zu spät erkannt, heißt es in der Politik. Die Politik müsse endlich für klare Rahmenbedingungen sorgen, heißt es in der Industrie.

All das wird sich in den nächsten Jahren zurecht rütteln. Bleiben wird die Frage, wie Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland mit den grundlegenden technologischen Umbrüchen dieser Zeit umgehen, der Disruption? Wer treibt sie voran, gestaltet sie, federt die Folgen ab? Wo kommen Innovationen her, die nicht auf einem hundert Jahre alten Produkt aufbauen?

Das ist keine akademische Frage, wenn man bedenkt, dass für mindestens ein Drittel der Konzerne im Dax ihr traditionelles Geschäftsmodell wackelt – von Banken über Energiekonzerne bis zu Autobauern. Es wird wenig helfen, in großen Runden Konsenspapiere für ihre gewünschte Strategie zu formulieren. Aber es wäre viel gewonnen, wenn man in solchen Runden die Verantwortlichkeiten klären würde: Wie kann der Staat Veränderung begleiten, und was kann er nicht? In den Autorunden wurde das jahrelang nicht geklärt.

Die Welt zeigt zwei Beispiele für radikale Innovation. Da ist auf der einen Seite das Silicon Valley, wo Milliarden auf neue Ideen gesetzt werden, ohne alte Strukturen weiterzuentwickeln. Und da ist auf der anderen Seite China, das in einer wilden Mischung aus Kapitalismus und Kommunismus strategische Industrien aufbaut. Europa – nicht nur Deutschland – muss seinen Weg finden. Die Mobilität der Zukunft wäre mehr als nur ein Probelauf.  

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare