Gastbeitrag

Radikale Aufklärung ist die Zukunft

Mit Bildung und Haltung lassen sich Integration und Digitalisierung meistern und die Einheit Europas erhalten.

Von Frank E. P. Dievernich

In den kommenden Jahren sollten wir uns vornehmen, im Sinne der Aufklärung zu handeln. Das ist aufgrund von drei Herausforderungen notwendig, vor welchen unsere Gesellschaft steht: Migration und Integration, Europas Zerfall sowie Digitalisierung. Steht eine Gesellschaft vor großen Veränderungen, dann ist es wichtig, dass sie einen Fixpunkt hat, der es ihr ermöglicht, sich zu verankern. Es sind diese festen Standpunkte, die verhindern, dass man sich aus kurzsichtiger Angst von populistischen Argumenten einfangen lässt und radikalisiert.

Verantwortung beginnt damit, auf sich selbst zu zeigen, bevor man auf den anderen verweist. Und es gehört dazu zu wissen, warum man argumentiert, wie man es tut.

In Bezug auf die oben genannten Herausforderungen heißt das, sich vor allem seiner eigenen Geschichte bewusst zu sein, um vor der lauernden Panik verschont zu bleiben. In Deutschland und Europa ist es vor allem die Geschichte der Aufklärung; es ist die Geschichte der Entwicklung von Verantwortung eines jeden Einzelnen von uns. Auch wenn diese Verantwortung manchmal nicht leicht zu (er)tragen ist, so stellt sie doch den Gewinn von Souveränität jenseits einer göttlichen Macht dar, welche einem alles abzunehmen bereit war. Jegliche Religionsausübung darf daher gerade in einer freien, demokratischen Gesellschaft nur toleriert werden, wenn sie als gemäßigt gelebt wird.

Das bedeutet, dass sie den für sich selbst verantwortlichen, reflektierenden Intellekt eines Menschen als Grundlage von allem Erschaffenen endlich annimmt. Und so geht es in Zeiten einer Einwanderungsgesellschaft nicht darum, gegen einen bestimmten Glauben zu polarisieren; es muss jedoch deutlich gemacht werden, auf welcher gesellschaftlich-historischen Grundlage sich dieser Glaube als anschlussfähig und tolerabel erweist, soll er als Teil der Vielfalt angenommen werden.

Für die Integrationsdebatte bedeutet das nichts anderes, als dass nicht etwa der muslimische Glaube abgelegt gehört, sondern nur jene Elemente, die einer Integration einer aufgeklärten Gesellschaft widersprechen. Umgekehrt muss die Gesellschaft alles dafür tun, dass sich jene Menschen, die hier neu anfangen, auch eine eigene Identität zulegen können. Geglückte Integration bedeutet, Teile seines vorherigen Lebens abzulegen, die zum Hier und Jetzt nicht mehr passen. Und die, die schon lange hier sind, müssen den Glauben ablegen, dass Deutschland in Zukunft noch so aussieht wie heute. Erst dann zeigen wir glaubhaft, dass auch uns der Gedanke der Aufklärung durchdrungen hat.

Wir können Menschen anderer Kulturen die Geschichte der Aufklärung nicht einflößen. Wir können aber alles dafür tun, dass sie verstehen, welchen Unterschied es macht, angesichts der eigenen Verantwortung aufgeklärt zu handeln. Wir sollten daher mit dem Trugschluss aufräumen, Religionsfreiheit bedeute, es sei egal, was im „stillen Kämmerlein“ vor sich hin gebetet würde. Bloß Gedachtes können wir nicht tolerieren, wenn es die Grundfeste der Aufklärung angreift.

Es war gerade die Aufklärung, die dazu geführt hat, dass der Mensch grundsätzlich als frei und gleich vor dem Gesetz gilt – und frei denken kann. Es liegt nun in unserer Verantwortung, jene Freiheit zu beschneiden, die dafür sorgen könnte, dass wir diese Freiheit verlieren. Mit dieser unangenehmen Paradoxie müssen wir uns auseinandersetzen. Das Gleiche gilt für das auseinanderbrechende Europa: Wir müssen die Freiheiten von jenen einschränken, die meinen, der Nationalismus sei die Rückeroberung der Freiheit vom Joch Europas. So könnte die Freiheit geschützt werden, die es uns erst möglich macht, funktionierende Nationen und Regionen im Kontext Europas zu garantieren.

Radikalen Angriffen auf die Errungenschaften der Aufklärung kann nur mit radikaler Aufklärungsarbeit gekontert werden. Es geht nicht darum, gegen die Migrantinnen oder Migranten zu sein, sondern darum, für das eigene System einzustehen. Dafür braucht es Politiker, die im Sinne der Aufklärung handeln – und nicht populistisch. Es braucht ein Rechtssystem, welches öffentlich die Früchte der Aufklärung verteidigt und alle radikalen und populistischen Gedanken und Äußerungen anklagt. Es braucht ein Europa, was sich jenseits nationalistischer Ideen und ganz im Sinne einer reflektierenden Aufklärung eine neue Selbstbeschreibung zulegt.
Schließlich braucht es eine Strategie, wie wir die Digitalisierung für die Weiterentwicklung der Aufklärung nutzen sollten. Da wir durch die vielen Daten alle „gläsern“ sind, liegt darin die Chance, unser Denken und Handeln besser kennenzulernen und nachzuvollziehen. Gerade in einer digitalisierten Welt muss es darum gehen, die Aufklärung nicht durch Fake-News und Bots zu hintergehen, sondern mit datenbasierten Fakten zu stärken. Gelingt das, stünde unsere Gesellschaft vor einem riesigen Intelligenzschub, welcher der Aufklärung Aufwind gäbe und die radikalen, ultrakonservativen Traditionalisten und Populisten hinter sich ließe.

Mit unserer Historie der Aufklärung brauchen wir keine Angst zu haben. Wir sollten die Aufklärung ernst nehmen und unsere Handlungen in allen unseren Funktionssystemen wie Politik und Wirtschaft danach ausrichten. Für Hochschulen bedeutet das, vor allem darauf zu achten, ob die Studierenden, die sie verlassen, auch wirklich über ein entsprechend aufklärerisches Grundverständnis verfügen. Was anderes als Agenten einer radikalen Aufklärung sollten angesichts der beschriebenen Herausforderungen die Hochschulen des 21. Jahrhunderts sonst sein?

Frank E. P. Dievernich ist Präsident der Frankfurt University of Applied Sciences.

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