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Brexit campaigner and former London mayor Boris Johnson addresses a press conference in central London on June 30, 2016. Top Brexit campaigner and former London mayor Boris Johnson said Thursday he will not stand to succeed Prime Minister David Cameron, as had been widely expected after Britain's vote to leave the European Union. The British pound spiked Thursday immediately after Boris Johnson said he will not stand in the Conservative leadership race. / AFP PHOTO / LEON NEAL

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Quintett ohne Johnson

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Einer der lautesten Brexit-Befürworter will nicht Premier werden. Wer könnte es stattdessen werden?

Die britische Politik hat in den vergangenen Tagen viele Überraschungen geliefert. Doch was an diesem Donnerstag kurz vor Mittag geschieht, verschlägt selbst den hartgesottensten Veteranen den Atem. Im dunklen Anzug mit roter Krawatte hat Boris Johnson vom Brexit geschwärmt, geldgierige Manager getadelt und seine Amtszeit als Londoner Bürgermeister gelobt. Jetzt kommt der Moment, in dem er seine Kandidatur für das Amt des konservativen Parteichefs und damit auch Premierministers bekannt gibt. Jedenfalls erwarten das alle Zuhörer.

Stattdessen beschreibt Johnson die Qualitäten, die David Camerons Nachfolger braucht, und sagt dann: „Ich bin nicht diese Person.“

Kurz darauf schlägt Big Ben zwölf Uhr, und im Parlament tritt Graham Brady vor die Kameras. Der Tory-Abgeordnete sitzt dem 1922-Komitee vor und ist damit so etwas wie der Gewerkschaftssekretär der konservativen Unterhausfraktion. Brady trägt die Liste jener Fraktionskollegen vor, die bis 12 Uhr ihre Hüte in den Ring geworfen haben. Da Boris Johnsons Name entgegen allen Erwartungen nun nicht draufsteht, handelt es sich um ein Quintett. Neben dem jungen Sozialminister Stephen Crabb, dem Parteirechten Liam Fox und der vergleichsweise unbekannten Finanzstaatssekretärin Andrea Leadsom gehören dazu die beiden Favoriten: Innenministerin Theresa May und Justizminister Michael Gove.

Michael Gove? Ist das der gleiche Mann, der noch vor kurzem im Live-TV beteuerte, er wolle gar nicht Premierminister werden? Nicht nur das. Der 48-Jährige frühere Journalist galt als intellektuelles Schwergewicht, als führender Kopf der erfolgreichen Brexit-Kampagne, als strategischer Anker neben dem glänzenden Massenkommunikator Johnson. Die beiden sind häufig im Doppelpack aufgetreten. Im politischen London glaubte man, sie würden auch gemeinsam in die Nachfolge-Schlacht ziehen. Und stets lag dabei die Annahme zugrunde, Johnson werde als Premier kandidieren, Gove ein Schlüsselressort übernehmen, womöglich das kombinierte Finanz- und Wirtschaftsministerium (Schatzkanzleramt).

Doch schon im Lauf der Brexit-Kampagne und erst recht in den Tagen danach sind Zweifel an Johnsons Urteilsvermögen entstanden. Er machte den Eindruck, das Votum für den EU-Austritt habe ihn unvorbereitet getroffen. In einer Zeitungskolumne bestritt er zudem, allen Umfragen zum Trotz, dass viele Leave-Wähler sich eine harte Beschränkung der Einwanderung wünschen. Die Zweifel erreichten auch Gove: Johnson, teilt der Justizminister kühl mit, fehle die Führungsfähigkeit. „Deshalb habe ich mich zur eigenen Kandidatur entschlossen.“

Da sich nun mehr als zwei Kandidaten für den Job als Leiter der fünftgrößten Industrienation der Welt interessieren, müssen die 331 gewählten Tory-Abgeordneten eine Vorauswahl treffen, ehe die beiden Bewerber mit der höchsten Stimmenzahl in die Urwahl durch die Parteimitglieder gehen.

Über die weiß man, dass sie überwiegend weiß und in Südengland zu Hause sind, zudem ihr Durchschnittsalter hart an der Pensionsgrenze liegt – von einer repräsentativen Gruppe der Bevölkerung kann also keine Rede sein. Die genaue Zahl ist nicht bekannt, weil die Mitglieder-Karteien dezentral verwaltet werden. Mehr als 150 000 sind es aber bestimmt nicht, die in den kommenden zwei Monaten den Regierungschef küren dürfen. Es kommt damit zu einer Premiere in der britischen Geschichte.

Der letzte Premierminister, der nicht durch eine Volkswahl ins Amt kam, war Labour-Mann Gordon Brown, für den sich 2007 in der Partei kein Gegenkandidat fand. Als Margaret Thatcher 1990 von ihrem Amt zurücktrat, bestimmten ausschließlich die Fraktionsmitglieder im Unterhaus John Major zu ihrem Nachfolger. Die Urwahlen bei Konservativen und Labour galten in diesem Jahrhundert stets nur der Bestimmung des jeweiligen Oppositionsführers.

Theresa May plant die Zukunft

Am 9. September soll das Ergebnis vorliegen. Dann dürfte der einstige Boris-Freund Gove in die Downing Streit einziehen – oder eben doch die neue Favoritin der Buchmacher, Theresa May. An ihrer EU-Skepsis gibt es keine Zweifel. Doch schien es in den letzten Tagen Konsens darüber zu geben: Wer Cameron beerben wolle, müsse ein ausgesprochener EU-Feind sein, alles andere werde das konservative Parteivolk nicht dulden.

Weil May dieses Manko kennt, hat sie den EU-feindlichen Kabinettskollegen Chris Grayling als Leiter ihres Wahlkampfteams berufen. Und in ihrer Bewerbungsrede gibt sich die stets technokratisch wirkende 59-Jährige hart: „Brexit bedeutet Brexit“, sagt die gelernte Bankerin, hinter das Votum vom 23. Juni gebe es kein zurück. Dem vielbeschworenen zweiten Referendum erteilt sie ebenso eine Absage wie Neuwahlen im Herbst.

Für die Verhandlungen mit Brüssel will sie einen eigenen Posten schaffen. Und an die früheren EU-Partner gewandt sagt sie auch noch, aus ihrer Sicht solle Artikel 50 des Lissabon-Vertrages „nicht vor Ende des Jahres“ in Kraft treten – die zweijährige Verhandlungszeit, die den Austritt aus der EU regelt, wäre also frühestens an Silvester 2018 zu Ende.

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