Kolumne

Quarantäne-Koller

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Der Ausflug in die Wüste muss warten, bis die Isolation beendet ist. Doch wann wird das sein? Die Kolumne.

Wenn’s vorbei ist, fahren wir in die Wüste, spazieren umher in der Weite der Landschaft und machen Picknick unter blauem Himmel. So hatten wir uns das ausgemalt in den Tagen der Quarantäne. Sich für zwei Wochen nach Einreise in Israel in häusliche Abgeschiedenheit zu begeben, fiel da nicht weiter schwer.

In meinem Fall bedeutete das eh nur die Halbzeit, da ich schon eine Woche, bevor die Netanjahu-Regierung erste einschneidende Anti-Corona-Maßnahmen verkündete, in Tel Aviv gelandet war. Sieben Tage lang keinen Fuß vor die Tür zu setzen, kriegt man zu zweit leicht rum – auch wenn mein „Significant Other“ lieber auf Youtube die US-Vorwahlen verfolgte, statt einen der derzeit meistgeklickten Artikel auf der „Haaretz“-Website zu lesen. Titel: „Wie man eine Corana-Quarantäne überlebt und die Beziehung erhält.“ Auf die Idee, sich beim Entrümpeln der Abstellkammer abzureagieren, kamen wir allein.

Eine gewisse Gereiztheit machte sich erst bemerkbar, als sich herausstellte, dass es nach unserer Sieben-Tage-Quarantäne gerade so weitergeht. Dass aus dem Wüstenausflug nichts wird, genauso wenig wie aus der Verabredung im Café. Dass sich das Vergnügen, mal rauszukommen, auf Lebensmitteleinkäufe reduziert, weil alles, was nicht existenziell notwendig ist, inzwischen dichtmachen musste.

Selbst Freunde soll man nicht mehr nach Hause einladen. „Überwachte Ausgangssperre?“, regt sich ein früherer Nachbar aus West-Jerusalem auf. „So was hat es selbst in der Intifada nicht gegeben!“ Für die Palästinenser freilich schon.

Die Virengefahr ist ein Gleichmacher. Das hat seine guten Seiten, gerade in Nahost, wo die Zahl der Gewaltvorfälle an diversen Konfliktherden gesunken ist wie der Börsenkurs in Frankfurt oder New York.

Die israelische Militärverwaltung im Westjordanland und die palästinensischen Autonomiebehörden kooperieren wie zu Zeiten des Osloer Friedensprozesses, um die Infektionsraten auszubremsen. Derweil fährt die Hamas ihre militante Rhetorik herunter. Den Ausbruch der Epidemie in Gaza zu verhindern, der für die überfüllten Flüchtlingslager verheerend wäre, hat Vorrang.

Sogar die dschihadistische Terrororganisation „Islamischer Staat“ hat sich darauf verlegt, Verhaltensvorschriften im Umgang mit Covid-19 herauszugeben, die von den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation abgeschrieben sein könnten, ergänzt um den Rat, ansonsten auf Allah zu vertrauen.

Aufs Beten allein scheint sich auch der iranische Gottesstaat nicht zu verlassen, seitdem Corana das Mullah-Regime zu dezimieren droht. So soll einer der Ajatollahs schon mal präventiv die Erlaubnis erteilt haben, auf einen Impfstoff aus Israel, dem Erzfeind, zurückzugreifen, falls es keine Alternative gäbe. Leider bloß war die Meldung, dem biologischen Forschungsinstitut in Nes Ziona sei ein Durchbruch geglückt, verfrüht. Die Testreihen werden wohl noch Monate dauern.

Einstweilen schaue ich dem Farbenspiel der Wolken am abendblauen Himmel vom Fenster aus zu und stelle mir vor, was sein wird, wenn der Corona-Spuk tatsächlich vorbei ist. Ob am Ende dieses real erlebten Science-Fiction-Plots die Menschheit etwas begriffen haben wird, das nachhält?

Zum Beispiel, dass Steuergeld besser im Gesundheitssystem angelegt ist als im Militäretat. Oder dass Frischluft auch politisch nottut, nicht nur in Teheran, ebenso in Washington, Jerusalem, Ramallah und Gaza. Zu irgendwas muss dieser verdammte Stoppelvirus doch gut sein.

Inge Günther ist Autorin.

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