Bewertungsportale

Quacksalber oder Querulant?

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Bewertungsportale im Internet sind elektronische Fensterbänke. Wo früher Leute Falschparker aufschrieben, prangern sie nun andere an - Ärtze zum Beispiel. Die Kolumne.

Eigentlich kann man ja überhaupt nichts glauben, was heutzutage so alles in den sogenannten sozialen Medien steht. Andererseits hält man in diesen turbulenten Zeiten nicht mal mehr den verrücktesten Unsinn für unmöglich – erst recht nicht, wenn einem jemand, den man schon sehr lange sehr gut kennt, glaubhaft versichert, einen solchen erlebt zu haben.

Es geht selbstverständlich um den Hort größtmöglichen Unfugs, das Internet – genauer gesagt einen seiner überflüssigsten Auswüchse, diese unseligen Bewertungsportale. Das sind elektronische Fensterbänke, auf denen meist rund um die Uhr schlecht gelaunte, sozial unterversorgte und sich selbst hassende Menschen lehnen und nur darauf warten, jemanden denunzieren zu können.

Früher schrieben sie Falschparker auf, heute stellen sie alle an den Pranger, die mehr aus ihrem Leben gemacht haben als sie. Leidtragende sind häufig Wirte, Hoteliers, Reiseveranstalter, Handwerker und Ärzte. So auch ein alter Freund von mir, seit Jahrzehnten Allgemeinmediziner in einer Kleinstadt. Der verschrieb vor Monaten einem Patienten mit Bluthochdruck unter anderem Acetylsalicylsäure zur Vorbeugung von Herzinfarkt und Schlaganfall. Außerdem überwies er ihn zur weiteren Untersuchung zu einem Kardiologen.

Der Patient aber, offensichtlich auch einer jener Fensterbankquerulanten, war nun nicht dankbar, sondern misstrauisch. Flugs begab er sich ins neunmalkluge Netz und fand dort seine Zweifel bestätigt. Der „Halbgott in weiß ist offensichtlich ein Quacksalber“ kritzelte er unter dem Namen „Pumpernickel67“ dem Arzt ins Portal.

Auf Grund akribischer Recherche habe er nämlich herausgefunden, dass „diese Säure“ das Blut verdünne! Und das sei laut vielen Berichten im Netz mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden, die ihm der Doktor allesamt verschwiegen hatte. Er selbst habe schon am ersten Tag „fürchterliche Kopfwehs“ bekommen, derer er erst durch die Einnahme von „bis zu fünf Aspirin“ einigermaßen habe Herr werden können. Doch damit nicht genug.

Das durch „die Säure von dem Doktor“ nunmehr viel zu dünne Blut schieße laut vieler Schilderungen von Geschädigten „wie wild durch den Körper“, womit er auch seine „Kopfwehs“ erklärte. Weiteres Unheil habe er dank des flugsen Absetzens des Teufelszeugs verhindern können.

Andere Patienten hätten da schlimmere Erfahrungen gemacht. Das hurtige Blut nämlich finde keine Zeit, „weiter entfernt gelegene Körperteile“ mit genügend Nährstoffen zu versorgen, was nicht selten zu deren „Abstumpfung“ führe. Ein Mann habe gar „ganze Teile von seinem Unterfuß“ verloren. Kurzum: Von einem Konsoltieren besagten Mediziners rate er dringend ab, er selbst behalte sich selbstverständlich „rechtliche Schritte“ vor.

Diesen Weg schlug der zornige Hypertoniker natürlich nie ein, genauso wenig tauchte Pumpernickel67 bei dem Kardiologen auf – bei meinem Freund, diesem Dilettanten, natürlich erst recht nicht mehr.

Da sind Sie platt, was? Das kann das Internet alles anrichten. Aber mal im Ernst. Haben Sie diese Geschichte nun geglaubt? Wie eingangs erwähnt, ist offensichtlich nichts mehr unmöglich. Zum Trost ein Zitat von Giordano Bruno: „Se non è vero, è ben trovato.“ Wenn es nicht wahr ist, ist es schön erfunden.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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