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Putin als neuer Nikolaus I.

  • VonDaniel Haufler
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Orlando Figes über Moskaus postimperiale Politik.

Der britische Historiker Orlando Figes hat acht Bücher über Russland geschrieben, die einen guten Einblick in die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen des Landes geben. In diesem Jahr erschien sein Werk „Hundert Jahre Revolution“, das Kontinuitäten wie Brüche der russischen Geschichte verfolgt und die Abhängigkeit von Führungsfiguren herausstellt. Es bietet sich also durchaus an, mit ihm über Wladimir Putins Rolle und Absichten in den aktuellen Konflikten zu sprechen, zumal angesichts des russisch-türkischen Streits.

Figes sieht im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ zwei Staatschefs, die mit einem autoritären Nationalismus, ja mit dem Erbe der postimperialen Politik spielen. „Das osmanische Erbe ist für die Türkei heute ebenso wichtig wie das Russische Reich für Putin. Und Syrien, der Nahe Osten, ist eine Art Arena, wo solche imperialen Ansprüche und der Groll über vergangene Niederlagen ausgespielt werden.“

Putins Außenpolitik hält er dabei für „klassisches 19. Jahrhundert“. Er wolle, „anders als oft behauptet, nicht die Sowjetunion wiederherstellen. Seine Strategie, soweit erkennbar, ähnelt jener von Zar Nikolaus I. Ihm geht es darum, dass Russlands Nachbarn schwach und zerrissen sind. In der Ukraine hat Putin dies zweifellos erreicht, so wie Nikolaus I. alles tat, damit das Osmanische Reich schwach und zerrissen war.“ Es gehe dabei nicht nur um einen post-imperialen Phantomschmerz, sondern darum, dass Russland „nie eine Nation war, ohne zugleich ein Imperium zu sein. Es wuchs durch innere Kolonisierung und expandierte dann über die russischsprachigen Gebiete hinaus. Boris Jelzin versuchte 1991 vergeblich, die Russen zum Nationalstaat zu erziehen auf republikanisch-föderaler Grundlage. Aber das ist fast unmöglich, denn die Russen haben gar keine Tradition, sich selbst als Nationalstaat im Sinne des 19. Jahrhunderts zu sehen, sondern nur als Imperium.“ Für die Demokratisierung seien Institutionen und intellektuelle Traditionen nötig, die den Nationalstaat in Begriffen wie Parlament und Verfassung denken. Dies alles gebe es nicht.

Dennoch hält Figes wenig davon, Russland zu dämonisieren. Er sei „bestimmt kein Freund von Putin“, sagte er kürzlich der „taz“, denn der stelle eine Bedrohung westlicher Werte dar. „Aber wir tun uns keinen Gefallen, wenn man Russophobie unser Verständnis von Russland, unsere Erwartungen an Russland überlagern lässt. Das habe ich in meinem Buch über den Krimkrieg im 19. Jahrhundert aufzugreifen versucht – die Russophobie ist älter als der Kalte Krieg, sie wurde ein Teil davon, aber sie ist Teil eines europäischen Diskurses, wer wir sind als Europäer. Die Russen sind Asiaten, Hunnen, Dämonen, sie sind nicht wir.“ Das sei ein vereinfachender Diskurs, der nirgendwo hinführt und niemandem nützt.

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