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Putin ist kein Zar - aber Alleinherrscher über sein Reich.

100. Jahrestag der "Oktober"-Revolution

Putin und der Gesinnungszarismus

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Hundert Jahre nach der Revolution will die Mehrheit der Russen nicht zurück zur Monarchie. Kein Wunder: Sie haben ja einen Wladimir Putin. Der Leitartikel.

Was es denn da zu feiern gebe, fragte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow kürzlich. Staatlicherseits plane man keinerlei Veranstaltungen zum 7. November. Die russische Führung drückt sich um den 100. Jahrestag der „Oktober“-Revolution, ein Teil der Öffentlichkeit auch.

Statt über Lenin oder Trotzki diskutierte man monatelang über „Mathilda“, den Film um die erste Liebe des letzten Zaren. Noch bevor jemand den Streifen gesehen hatte, wollten russisch-orthodoxe Eiferer ihn als Beleidigung des Monarchen verbieten. Aber dann erwies sich der Film als arg geschönte Hymne auf Nikolai II.: Zwar taumelt der Thronfolger lange zwischen der Ballerina Mathilda und seiner Pflicht hin und her. Aber als er am Ende die Krone auf dem Kopf hat, entpuppt er sich als vorbildlicher Landesvater.

„Mathilda“: arg geschönte Hymne auf Nikolai II.

Zaren oder Selbstherrscher, wie sie auch genannt wurden, sind große Mode in Russland. Staatliche Nachrichtenagenturen wie oppositionelle Internetkanäle verbreiteten jüngst das Titelbild des britischen „Economist“: Wladimir Putin in Zarenuniform. Das Cover gefiel wohl auch als optischer Brückenschlag von Putins Gegenwart zur ruhmvollen Vergangenheit des russischen Imperiums.

Mal schlägt der nationalpopulistische Altparlamentarier Wladimir Schirinowski die Rückkehr zur Monarchie vor, mal der korruptionsumwitterte Krim-Gouverneur Sergei Aksjonow. Beobachter in Moskau glauben, der zynische Teil der Beamtenschaft spekuliere darauf, dass man unter einem neuen Zaren ebenso unabsetzbar werde wie dieser. Und dass man als neuer Adel auch den Anspruch verbriefen könnte, seine Pfründe an die eigenen Söhne weiterzugeben. Solcherlei Erbfolgerecht ist bei Rosneft, Gasprom und anderen Staatskonzernen informell schon gang und gäbe.

Wahlen sind bestenfalls notwendiges Übel

„Jeder Russe ist in seiner Seele Monarchist“, versichert ein weiterer nationalpopulistischer Parlamentarier nicht zu Unrecht. Zwar geht nach der Verfassung die Macht im Staat vom Volk aus. Aber in Russland ist das eine papierene Wahrheit, die keiner recht ernst nehmen will, auch das Volk nicht. Politik als Recht, aber auch als Pflicht, mitzuentscheiden, gilt sehr vielen Bürgern als überflüssig bis ungehörig. Und Wahlen sehen sie bestenfalls als notwendiges Übel.

Russland sehnt sich nach Stabilität, nicht nach Freiheit. Zwar versichern Soziologen des halbwegs liberalen Lewada-Meinungsforschungsinstituts, weniger als zehn Prozent der Bürger seien für die Monarchie als Regierungsform. Aber laut Lewada stehen 82 Prozent der Russen hinter Wladimir Putin, während 51 Prozent von ihnen mit der Regierung und 57 Prozent mit der Staatsduma unzufrieden sind. Unser Zar ist gut, unsere Bojaren – also der niedrigere Adel – sind aber schlecht: eine traditionell russische und ziemlich monarchistische Denkweise.

Man könnte es auch Gesinnungszarismus nennen. Bei einer anderen Lewada-Umfrage erklärten sich 18 Prozent der Russen bereit, für einen ausgedachten Nachfolger zu stimmen, der aber Wladimir Putins Unterstützung hätte. Es gilt als selbstverständlich, dass Putin die nächste Wahl gewinnt, aber auch, dass jeder Thronfolger mit seinem Segen beim übernächsten Mal gewinnt. Schon gibt es Spekulationen, 2024 könnte eine der zwei Putin-Töchter kandidieren. Sie wäre Russlands erste Präsidentin, aber nach vier Zarinnen keineswegs die erste Herrscherin.

US-Regisseur Oliver Stone sagte Wladimir Putin in einem Interview, man glaube, er wolle Zar werden. Putin wich bescheiden aus: Es gelte, wenigstens jene Machtbefugnisse richtig anzuwenden, die er jetzt besitze. Dabei hat Russlands Dauerherrscher seinen Regierungsstil nach Ansicht von Politologen schon gewandelt.

In seinen ersten Regierungsjahren fällte der Präsident seine Entscheidungen in der Regel in Zusammenarbeit mit den wichtigsten Ministern, Sicherheitsbeamten und Staatskonzerndirektoren. Inzwischen aber hat er außer diesem postsowjetischen „Politbüro“ einen regelrechten Hofstaat versammelt: Sein mutmaßlicher Beichtvater, seine Leibwächter oder ein Petersburger Restaurantbesitzer, der als sein Koch gehandelt wird, sollen immer spürbareren Einfluss auf die russische Politik nehmen.

Der Petersburger Politikwissenschaftler Grigori Golossow bezeichnet Putins Regiment als persönliche Diktatur. In gewissem Sinn müsse man bedauern, dass er kein Zar ist, weil auch der absolute Monarch im vorrevolutionären Russland in seiner Macht durch zahlreiche Institutionen oder Traditionen eingeschränkt gewesen sei.

Putin wird oft mit Nikolai I. verglichen

Allerdings hat das entschlossene Selbstherrscher wie Iwan IV. oder Peter I. nicht gehindert, eine eigene Schreckensherrschaft zu installieren oder das ganze Reich auf den Kopf zu stellen. Und Wladimir Putin wird oft mit Nikolai I. verglichen, im vorletzten Jahrhundert berühmt für seine aggressive Außen- und reaktionäre Innenpolitik. Auf den Kundgebungen der oppositionellen Minderheit werden die ersten Sprechchöre laut: „Nieder mit dem Zaren!“ 

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