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Auslese

Pulverisierter Idealismus

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Gedanken zum Jahrestag des Massakers in China, als die Machthabenden den Protest des Volkes in einem wahren Blutrausch niederschlugen.

Wenn Sonne, Nebel und Staub den Platz des Himmlischen Friedens in Peking in ein schmutziges Gelb tauchen, fällt es schwer, zwischen mystischem Naturerlebnis und Umweltskandal zu unterscheiden. Unwirklich und gegenwärtig erscheint heute indes der Blutrausch, durch den die chinesische Führung am 3. und 4. Juni 1989 versuchte, den wachsenden gesellschaftlichen Druck entweichen zu lassen.

Kai Strittmatter und Christoph Giesen haben in der „Süddeutschen Zeitung“ zu rekonstruieren versucht, was auf dem Tiananmen geschah. „Es war eine Volksbewegung und ein Volksfest zugleich. Alle fanden Grund zum Protest. Die Studenten, weil sie sich nach Freiheit sehnten, die Arbeiter, weil ihnen die Inflation den Lohn auffraß, und alle zusammen, weil korrupte Kader das Volk aussaugten. Auf dem Platz kam eine Million Menschen zusammen. ‚Ich weiß nicht, was wir wollen‘, rief einer der Studenten damals euphorisch. ‚Ich weiß nur: Wir wollen mehr davon!‘ Die Partei hat gesiegt in jener Nacht vom 3. auf den 4. Juni. Sie pulverisierte nachhaltig alles, was ihr Chinas Jugend an Eifer und Idealismus darbot.“

Tatsächlich nutzte die KP das Massaker zu einer beispiellosen kapitalistischen Wende. In der „FAZ“ versucht Petra Kolonko, sich einen Reim darauf zu machen. „Die Partei argumentiert heute, dass in China Chaos ausgebrochen wäre, wenn sie damals nicht gewaltsam eingeschritten wäre. Sie verschweigt dabei, dass es genügend Gelegenheiten zu Ausgleich und Dialog mit den Studenten gab. Das Einparteiensystem bezeichnete sie als ‚Wahl‘ des Volkes. Gewählt hat das Volk die Kommunistische Partei und ihr System nie; wohl aber hat es sich mit dem System der ‚sozialistischen Marktwirtschaft‘ unter der Herrschaft der einen Partei pragmatisch arrangiert. Viele sind gut damit gefahren (...). Doch wie gering das Vertrauen in die Zukunft und die Nachhaltigkeit des Einparteiensystems Chinas ist, zeigt allein die Tatsache, dass selbst die Parteiführer ihre Kinder zum Studium nach Amerika und ihre Vermögen ins Ausland schicken.“

Heute geht es der KP vor allem um die Kontrolle über die Deutungshoheit. So richtig erfolgreich sei sie dabei nicht, findet Finn Mayer-Kuckuk im „Handelsblatt“. „Interessierte Chinesen können sich trotzdem informieren. Entsperrdienste ermöglichen den Zugang zu Websites aus Hongkong, Taiwan oder dem Westen, während die Diskussion im einheimischen Netz über verklausulierte Codes läuft. Durch die Verwendung von Hinweisen und Anspielungen lässt sich die automatisierte Suche nach Stichworten austricksen. Ein Blogger beispielsweise weist ohne weiteren Kommentar auf den Schriftsteller Lu Xun hin – und alle gebildeten Chinesen, wissen was gemeint ist: ‚Lügen aus Tinte können niemals Wahrheiten aus Blut auslöschen‘, wurde Lu Xun nach Protesten auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Jahr 1926 zitiert.“

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