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Am Rand der Gesellschaft: Armut und Obdachlosigkeit in Berlin.

Verteilung des Reichtums

Prüfstein der Demokratie

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Es muss mehr über die Verteilung des Reichtums diskutiert werden. Und darüber, wie zu verhindern ist, dass die Kluft zwischen Arm und Reich größer wird. Die Kolumne. 

Dass die Zeit Wunden heilt, ist ein wunderschönes Sprichwort. Mancher Schmerz wird erträglicher bei so schöner Gewissheit. Es gibt im Zusammenleben der Menschen leider auch Wunden, die nicht nur nicht verheilen wollen, sondern immer schmerzhafter werden, mit der Zeit.

Wer unterwegs ist, kann das dort spüren, wo einst im Namen kolonialer Mächte Ausbeutung und Unterdrückung das Prinzip waren, in Afrika etwa. Als die Unabhängigkeit kam, waren die Hoffnungen groß, die Wunden sollten langsam heilen. Doch ist der Unterschied zwischen Arm und Reich meist gewachsen, entlang der alten Rassengrenzen oder aber zementiert durch neue Barrieren der Korruption.

In jedem Jahrzehnt wird es noch schwerer, nachfolgenden Generationen zu erklären, warum das so bleibt und sie doch weiter auf positive demokratische Veränderung hoffen sollten. Die Einkommens- und Vermögensverteilung im Sinne der Mehrheit zu beeinflussen und nicht nur zuzusehen, wie die Schere weiter auseinander geht, ist zur schwierigsten Frage jeder Demokratie geworden. Diese Wunde heilt nicht von selbst, sie tut im Gegenteil mit der Zeit mehr weh. Und nicht nur weit weg von Europa.

Hoffen zu können, dass man mit eigener Anstrengung zu einem besseren Leben kommen kann: Das ist der Kern. In der alten Bundesrepublik waren es ein Wohlstandsversprechen und die Aufstiegschance durch Bildung, die diese Hoffnung nährten – zugleich eine klassische Demokratieerzählung. In vielen Ländern gab es parallel Aufbruchstimmung – und nicht überall waren es Korruption oder autoritäre Restauration, die diese Stimmung kippen ließen. Sondern auch wachsender Gleichmut, fehlende Vorbilder, kulturelle Gräben.

Wo immer nun wieder autoritäre und populistische Vereinfacher Zulauf haben, hat das nicht zuletzt mit einem wachsenden Gefühl von Benachteiligung zu tun. Dieses Gefühl ist subjektiv, nicht immer alles erklärend, aber fast immer ist viel dran. Auch wenn die angebotenen Antworten, von der Gewaltbereitschaft mancher Gelbwesten über die Sturheit der Brexitiers und die nationalkonservative Rückwende im Osten bis hin zu den Sozialisierungsfantasien im neuen Häuserkampf in der Stadt Berlin, sehr problematisch sind.

Gerade weil die einfachen linken Antworten von vorgestern nicht mehr viel bringen, weil Gleichheitsideale nach Holzhammerart weltfremd bleiben, wäre demokratische Verteilungspolitik wieder so wichtig. Eine Debatte darüber, dass die Reichtumsverteilung an sich ein Problem ist und nicht nur deren schlimmste Auswirkungen.

Mit Blick auf die Demografie muss man da von einer Chance sprechen: Die Jungen in Europa werden gebraucht. Die weitere wirtschaftliche Entwicklung hängt davon ab, dass sie anpacken. In Teilen der Welt, wo die Bevölkerung rasant wächst und die soziale Kluft viel größer ist, bleibt das schwieriger. Und doch gibt es überall eine ähnliche Frage: Es ist die nach der ökonomischen Glaubwürdigkeit des demokratischen Prinzips.

Nichts gegen Themen wie Grundsicherung, Mindestlohn und Rentenniveau. Was dazu diskutiert wird, ist wichtig gegen das Auseinanderfallen der Gesellschaft. Aber es geht nur ums Auffangnetz und das ist zu wenig. Den Kern der Gesellschaften zu stärken bedeutet: Er muss wieder für mehr Leute erreichbar werden. Auch und gerade materiell. Nur dann heilt die Zeit Wunden.

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