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Dass sich das Mehrheitsverhältnis von 10 000 zu 120 auf die ganze Gesellschaft übertragen lässt, ist nicht gesagt.

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Protest und Dilemma

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Die Demo in Kassel zeigt dem kleinen rechten Haufen, wie es ist, eine Minderheit zu sein. Aber die Sympathien für die extreme Rechte sind wahrscheinlich  größer als ihre sichtbare Präsenz. Ein Kommentar.

Das war ein gutes Signal: 10 000 Demokratinnen und Demokraten stellen sich einem Aufmarsch von 120 Rechtsextremen gegenüber, die ausgerechnet in Kassel demonstrieren. Dort, wo der kürzlich ermordete Regierungspräsident Walter Lübcke seinen Dienstsitz hatte, und dort, wo der „Nationalsozialistische Untergrund“ 2006 Halit Yozgat tötete.

Es war ein sehr breites Bündnis, das sich da wehrte: von Linken bis zu Christdemokraten, vom Flüchtlingsrat bis zur Universität. Das ist gut so. Es hat dem kleinen rechten Haufen gezeigt, wie es ist, eine Minderheit zu sein.

Trotzdem ist zweierlei anzumerken. Erstens: Dass sich das Mehrheitsverhältnis von 10 000 zu 120 auf die ganze Gesellschaft übertragen lässt, ist nicht gesagt. Zu zahlreich sind die Indizien, dass die Sympathien für die extreme Rechte größer sind als ihre sichtbare Präsenz.

Lesen Sie auch die FR-Analyse:  Warum so wenige Rechtsextreme dem Aufruf zur Demonstration gefolgt sind

Zweitens: Die Zivilgesellschaft soll und muss sich zwar über die ganze Breite des politischen Spektrums verbünden, um den Rechten entgegenzutreten. Aber sie erscheint damit zugleich als konforme Masse, die den Vorwurf zu bestätigen scheint, die „Etablierten“ seien ja doch alle gleich.

Erst wenn der Rechtsextremismus so erfolgreich bekämpft ist, dass er nicht mehr ganzen Städten die Agenda diktieren kann, ist Aufatmen erlaubt.

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