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Linda Teuteberg, FDP-Generalsekretärin, und Christian Lindner, Fraktionsvorsitzender und Parteivorsitzender der FDP, verfolgen beim 70. FDP-Bundesparteitag die frauenpolitische Debatte.

Leitartikel

Die Profis von der FDP

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Eine Neue im Amt der Generalsekretärin, eine geschwächte Spitzenkandidatin für die Europawahl und eine Basis, die dem Vorsitzenden nicht mehr bedingungslos folgt: Viel zu tun für Christian Lindner.

Einen Glückwunsch hat der wiedergewählte FDP-Vorsitzende sich verdient. Aber der Parteitag am Wochenende hat auch gezeigt: Christian Lindner muss vorsichtig sein.

Der Glückwunsch gilt der richtigen Entscheidung, Linda Teuteberg zur Generalsekretärin zu machen. Erstens tut sich die FDP schwer, Frauen als Mitglieder und als Wählerinnen zu gewinnen. Es wäre deshalb dumm gewesen, dem Vorsitzenden Lindner auch noch einen Mann an die Seite zu stellen. Zweitens gibt es in diesem Jahr drei Landtagswahlen in Ostdeutschland. Dort kann die Brandenburgerin Teuteberg jetzt auf Stimmenfang gehen.

Doch es geht um noch mehr: Teuteberg kann im Stil eine gute Ergänzung zu Lindner sein. Das zeigt aber auch, dass der Vorsitzende vorsichtig sein muss.

Als Lindner im Jahr 2009 selbst Generalsekretär wurde, war Guido Westerwelle Parteichef. Westerwelle vertrat die FDP mit brillanter, aber auch schneidender Rhetorik – und wirkte mit seinem unerbittlichen Furor auf viele unsympathisch. Lindner hatte dieses Defizit erkannt und versuchte, die FDP als politische Kraft zu präsentieren, die nicht nur von sich selbst überzeugt ist, sondern auch Empathie für andere hat.

Lindner ist heute Westerwelle ähnlicher, als er es vermutlich selbst je gedacht hätte. Das hat sich nicht zuletzt in der Diskussion über die „Fridays-for-Future“-Demonstrationen gegen die Klimapolitik gezeigt. Der Standpunkt der FDP in der Klimapolitik – Klimaschutz ja, aber vor allem durch technischen Fortschritt – ist in der politischen Debatte durchaus wettbewerbsfähig. Aber es wirkt unsympathisch, Schülern entgegenzuhalten, sie seien „keine Profis“.

Linda Teuteberg hat in ihrer Antrittsrede gesagt, es gehe auch darum, zuhören zu können. „Nicht nur Senden, auch Empfangen ist wichtig“, sagte sie. Ob Lindner ihr da gut zugehört hat?

Die neue FDP-Generalsekretärin wird viel daran setzen, gut mit Lindner zusammenzuarbeiten. Sie ist keine, die mit ausgefahrenen Ellbogen sagt: „Hier bin ich, macht Platz da!“ In ihrer Parteitagsrede ist sie weitgehend auf Nummer sicher gegangen und hat sich um liberale Klassiker bemüht: vom Loblied auf die Segnungen des Wettbewerbs bis hin zur Forderung nach der Abschaffung des Solidaritätszuschlags.

Aber das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die 38-Jährige das Selbstbewusstsein und die Durchsetzungskraft mitbringt, eigene Akzente zu setzen – auch jenseits des Parteichefs, wenn sie es für notwendig und wichtig hält.

Das kann der FDP nur gut tun. Es wäre unfair zu sagen, dass Lindner die Partei der eigenen Person unterworfen hat. Sie hat sich nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag im Jahr 2013 Lindner unterworfen – in der Hoffnung, dass er sie irgendwie rettet und am Leben hält. Das hat Lindner getan – und dafür hat er bis heute Kredit in der Partei.

Das gilt, obwohl Lindner die FDP mit der Art, wie er die Jamaika-Verhandlungen nach der Wahl im Jahr 2017 scheitern ließ, in eine strategisch schwierige Lage manövriert hat. Die Grünen haben seitdem erheblich zugelegt, die FDP stagniert.

Die Lust an der Parteibasis wächst, der Führung nicht mehr bedingungslos hinterherzulaufen. Das hat sich auf diesem Parteitag ausgerechnet an einem Punkt gezeigt, der für die FDP höchst peinlich ist. Europa-Spitzenkandidatin Nicola Beer wollte unbedingt stellvertretende Parteivorsitzende werden – und hat deshalb im Vorfeld rüde eine Kollegin verdrängt. Dafür wurde sie von den Delegierten mit einem Ergebnis von nicht einmal 59 Prozent bei der Wahl zur Vize-Vorsitzenden bestraft.

Der Impuls der Delegierten war zwar verständlich. Aber es ist schrecklich unprofessionell, die eigene Spitzenkandidatin so kurz vor einer Wahl öffentlich zu demütigen. Warum, so können jetzt Wähler fragen, sollen sie diese Frau unterstützen, wenn noch nicht mal die eigene Partei von ihr überzeugt ist?

Ein bisschen weniger Ergebenheit gegenüber der Führung tut der FDP zwar grundsätzlich gut. Aber so etwas muss geübt sein, damit sich der Unwille nicht an den unmöglichsten Stellen entlädt. Einen solchen Prozess des Erwachsenwerdens muss die Partei in den kommenden Monaten kraftvoll anschieben. Wenn Lindner klug ist, tut er es selbst.

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