Atommüll

Problemfall Zwischenlager

Die Bundesregierung muss rasch entscheiden, wo der Atommüll gelagert werden soll, bis es ein Endlager gibt. Ein Gastbeitrag.

Von Sylvia Kotting-Uhl

Höchstens 40 Jahre Zwischenlagerung war den Standorten versprochen worden: Ahaus, Gorleben, Lubmin und den zwölf AKW-Standorten, an denen im Zug des ersten Atomausstiegs die standortnahen Zwischenlager eingerichtet wurden – zur Transportvermeidung, aber sehr wohl auch als Zugeständnis an die Energiekonzerne für den ersten Atomausstieg, die damit einen Entsorgungsvorsorgenachweis hatten und ihre Atomkraftwerke ohne weitere Behelligung vom Staat für die letzten Jahre betreiben können sollten.

15 Jahre später sieht die Welt in Deutschland anders aus. Die Endlagerkommission hat getagt, sie hat ein Verfahren zur Endlagersuche vorgelegt und sie hat klargemacht, dass die 40 Jahre Zwischenlagerung nicht ausreichen werden. 2035, wenn die 40 Jahre Genehmigung in Gorleben auslaufen, wird kein Endlager bereitstehen. Auch 2042 oder 2047 nicht, wenn weitere Zwischenlager aus der Genehmigung laufen. Wann ein Endlager für hoch radioaktiven Müll betriebsbereit ist, können wir heute nicht sagen. Manche Szenarien zeigen weit ins nächste Jahrhundert. Klar ist nur eines: Wir haben, neben dem Finden eines Endlagerstandorts, noch ein Problem.

In Philippsburg und den anderen Orten werden die Atomkraftwerke in einigen Jahrzehnten zurückgebaut sein. Die proklamierte „grüne Wiese“ wird allerdings auf sich warten lassen, denn die Zwischenlager sind noch da. Und bleiben erst mal. An den Standorten wächst der Unmut. Zu Recht? Schließlich haben die Standortkommunen über Jahrzehnte gut profitiert von den Atomkraftwerken. Gewerbesteuer, Sponsoring, das Geld floss.

Aber in einem Rechtsstaat sollten Versprechen etwas gelten. Erst versprach man den Standortkommunen, der Atommüll käme woanders hin: Wer die Last eines AKW trage, solle nicht auch die Last des Atommülls tragen. Dieses Versprechen fiel mit dem Konzept der standortnahen Zwischenlager. Dann hieß es: aber nur 40 Jahre, bis dahin gibt es ein Endlager. Nun ist auch dieses Versprechen nicht zu halten. Na und, könnte man sagen: Wer sich mit Atomkraft einlässt, ist selber schuld. So leicht darf der Staat es sich nicht machen.

Zu dem Unmut der Zwischenlagerstandorte gibt es weitere Probleme. Wer überwacht die verwaisten Zwischenlager, wenn die AKW-Betreiber nicht mehr vor Ort sind? Wo werden eventuell notwendige Reparaturen an Castoren durchgeführt? Die vom Wirtschaftsministerium eingesetzte Kommission zur Finanzierung des Kernenergieausstiegs (KFK) empfahl, die Zwischenlagerung der atomaren Abfälle dem Staat zu überantworten. An wie vielen Standorten kann dieser Fachpersonal vorhalten? 15 Zwischenlager stoßen eventuell nicht nur an Grenzen der Akzeptanz in der Bevölkerung, sondern auch an Kapazitätsgrenzen der öffentlichen Hand.

Die Zwischenlager müssen nach Ablauf der 40 Jahre, für die sie genehmigt sind, neue Genehmigungen erhalten. Das kann und sollte der Staat zum Anlass für grundsätzliche Überlegungen nehmen. Es gibt drei Möglichkeiten, mit der weiteren Zwischenlagerung des hoch radioaktiven Atommülls bis zur Betriebsbereitschaft eines Endlagers umzugehen: Es bleibt wie es ist. An allen 15 Zwischenlagerstandorten wird neu genehmigt, selbstverständlich mit Umweltverträglichkeitsprüfung und Nachrüstung auf den Stand von Wissenschaft und Technik. Parallel zur Endlagersuche wird zweitens auch eine Suche nach einem zentralen Zwischenlager unternommen. Am Standort des zukünftigen Endlagers, wie schon mal zu hören war, kann das nicht sein. Das wäre viel zu spät. Oder die 15 Zwischenlager werden auf mehrere, aber deutlich weniger als 15, konzentriert.

Alle Lösungen haben Nachteile. Das ist so bei Atommüll. 15 Zwischenlager zu ertüchtigen und neu zu genehmigen, um sie auf weitere Jahrzehnte zu betreiben und zu rechtfertigen, bedeutet für den Staat finanzielle und kommunikative Last. Die KFK hat bei ihrer Empfehlung, die Zwischenlagerung solle von den Konzernen für etwa 6,3 Milliarden Euro an den Staat übergehen, die Lücke zwischen Auslaufen der Zwischenlagergenehmigungen und Betriebsbereitschaft eines Endlagers nicht einberechnet.

Die Suche nach einem einzigen zentralen Zwischenlager dagegen würde hohe Erwartungen an Auswahlverfahren und Partizipation setzen, da sie gleichzeitig mit der Endlagersuche stattfinden müsste, und trotzdem beide Verfahren beschweren. Was bedeutet die dritte Möglichkeit, die Konzentration auf wenige Zwischenlager? Sie bedeutet auf jeden Fall Transporte – die mit dem Konzept der standortnahen Zwischenlagerung eigentlich vermieden werden sollten. Und sie bedeutet schwieriges Aushandeln, welche Zwischenlagerstandorte bleiben und welche geschlossen werden. Die Konzentration auf einige wenige Standorte könnte trotzdem das kleinste Übel sein. Vorstellbar wäre, dass jedes Bundesland mit Zwischenlagern sich in Absprache mit den Standortkommunen auf einen Standort konzentriert. Die entsprechende Kommune muss dann für die zusätzliche Last kompensiert werden.

Die Entscheidung, wie mit der Zwischenlagerung des hoch radioaktiven Mülls bis zur Endlagerung verfahren werden soll, darf nicht auf die lange Bank geschoben werden. Bundestag und Bundesregierung müssen unter Einbeziehung der betroffenen Länder und Standortkommunen eine Lösung finden. Besser heute als morgen! Denn der Atommüll braucht aus Sicherheitsgründen nicht nur das bestmögliche Endlager. Er braucht bis dahin auch die bestmögliche Zwischenlagerung.

Sylvia Kotting-Uhl ist Sprecherin für Atompolitik der Grünen-Bundestagsfraktion und Mitglied der Endlager-Kommission.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare