Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Irakische Soldaten am Checkpoint vor dem Städtchen Bartella, knapp 27 Kilomter von Mossul entfernt.
+
Irakische Soldaten am Checkpoint vor dem Städtchen Bartella, knapp 27 Kilomter von Mossul entfernt.

Irak

Die Probleme Mossuls

  • Martin Gehlen
    VonMartin Gehlen
    schließen

Eine breite militärische Allianz feiert bereits den Sieg über den IS. Doch keiner weiß, wie der Frieden im Norden des Irak gesichert werden soll. Eine fast unlösbare Aufgabe. Der Leitartikel.

Endlich geht es dem „Islamischen Staat“ an den Kragen – überall im Umland von Mossul verbreiten die bunt zusammengewürfelten Angreifer dieser Tage Siegeseuphorie. Reihenweise geben Kommandanten Interviews und sonnen sich in ersten Erfolgen. Beim Treffen der Internationalen Antiterrorkoalition in Paris nahmen die angereisten Verteidigungsminister sogar schon die zweite IS-Hochburg Rakka ins Visier. Die Tage des „Islamischen Kalifats“ sind gezählt, hieß die Botschaft aus der französischen Hauptstadt. Nur einer fehlte in der illustren Kriegsrunde – der Irak, das Land, auf dessen Boden sich das ganze Drama in den kommenden Wochen und Monaten abspielen wird.

Noch nie musste eine so große Stadt aus den Händen von Dschihadisten zurückerobert werden. Alle bisherigen Erfahrungen im Irak legen nahe, dass Mossul schon bald in Flammen steht und seinen Einwohnern ein schreckliches Schicksal droht. Die Extremisten könnten Zivilisten als Geiseln nehmen und als menschliche Schutzschilde missbrauchen. Sie könnten sich in einem Teil der Stadt in einer Festung verschanzen, die von den Eroberern dann in monatelangen Haus-zu-Haus-Gefechten komplett in Schutt und Asche gelegt werden müsste. Oder die IS-Fanatiker könnten einfach mit Hilfe lokaler Komplizen untertauchen, Schläferzellen bilden und die Millionenstadt weiterhin von innen heraus mit blutigen Kommandoaktionen in Angst und Schrecken halten.

Seit Wochen warnen die Vereinten Nationen (UN) vor Hunderttausenden Flüchtlingen, mindestens ein Drittel von ihnen Kinder, und appellieren an das Verantwortungsgefühl der Kriegsplaner – bisher vergeblich. Die Vorbereitungen zur Notaufnahme in der Umgebung sind unzureichend. Unfassbar viele könnten zwischen die Fronten geraten, während der Winter mit seinen eisigen Temperaturen naht.

In Mossul wird wohl auch das nationale Schicksal des Irak entschieden. Kann es gelingen, das Zweitstromland mit der Rückeroberung der Stadt wieder stärker zu einen und auf den Weg eines friedlichen Zusammenlebens zurückzuführen? Oder wird die Operation Mossul den Zerfall des Irak endgültig besiegeln?

Regierung besitzt keine Strategie

Die Zentralregierung in Bagdad jedenfalls besitzt nach wie vor keine Strategie, die entfremdete sunnitische Minderheit endlich ausreichend in das politische Geschehen des Landes einzubinden. Die Reform des eigenen korrupten Regierungsapparates kommt nicht voran. Der blasse Regierungschef Haidar al-Abadi kann sich gegen die Hardliner in den eigenen schiitischen Reihen nicht durchsetzen. In diesen Zirkeln gelten die Bewohner Mossuls schlichtweg als IS-Komplizen oder zumindest als Sympathisanten. Und so fehlt – wie zuvor in Ramadi und Falludscha – neben dem politischen Willen auch das Geld, mögliche Kriegszerstörungen zu beseitigen und der zweitgrößten Metropole eine jahrelange Agonie zu ersparen.

Abgesehen davon hat das IS-Kalifat die jahrhundertealte multikulturelle Textur von religiösen und ethnischen Gruppen heillos zerrüttet. Systematisch zündeten die Fanatiker Kirchen, Moscheen und Bibliotheken an, schändeten Pilgerstätten und Friedhöfe. Das berühmte Mausoleum des Propheten Jonas in Mossul, das jahrhundertelang als Wahrzeichen für die religiöse und kulturelle Verwobenheit der Region gegolten hatte, jagten sie gleich in den ersten Tagen in die Luft.

Entsprechend tief haben sich in die Gemüter der Menschen Misstrauen und Zwietracht eingefressen – egal ob zwischen sunnitischen und schiitischen Arabern, Kurden, Christen, Jesiden oder Turkmenen. So bewegend in den letzten Tagen die ersten Glockentöne nach der Rückeroberung christlicher Dörfer in der Ninive-Ebene waren, so unvorstellbar scheint, wie die Volksgruppen künftig wieder als Nachbarn zusammenleben sollen.

Obendrein bringen sich auch die regionalen Kontrahenten in Position, um schon vor der Schlacht möglichst viel von der Mossul-Beute für sich zu reklamieren. Die nordirakischen Kurden schielen auf ihre Unabhängigkeit und wollen weitere Machtpflöcke einschlagen. Die umstrittene Schwesterstadt Kirkuk haben sie im Zuge der IS-Wirren vor zwei Jahren bereits unter ihre Kontrolle gebracht, jetzt tragen ihnen Minderheiten wie die Christen und Jesiden auch die Herrschaft über die Ninive-Ebene von Mossul an. Die Türken haben ein Auge auf Mossul geworfen, weil sie die Stadt vor hundert Jahren in den postosmanischen Turbulenzen nicht für sich reklamieren konnten. Und die sunnitischen Araber wollen ihre Stadt ausbauen zu einer möglichst autonomen Machtbasis, in der nach dem Ende der IS-Tyrannei die verhasste schiitische Zentralregierung praktisch nichts zu sagen hat.

Und so dürfte der Irak nach einem Zusammenbruch des Kalifats wieder zurückfallen in die Zeit vor dem IS. Die inneren Probleme, die den Dschihadisten vor zwei Jahren ihre blitzartigen Erfolge erlaubten, kehren mit voller Wucht zurück. Und sie könnten sich dann als noch vertrackter und unlösbarer erweisen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare