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Bis 2022 will Deutschland weg von der Atomenergie - aber wohin mit dem Müll?
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Bis 2022 will Deutschland weg von der Atomenergie - aber wohin mit dem Müll?

Gastbeitrag

Das Problem mit dem Müll

Der Atomstrom verschwindet langsam aus den deutschen Steckdosen. Was bleibt, ist der Atommüll. Nicht nur dabei gilt: Es geht um die soziale und ökologische Gestaltung unserer Industriegesellschaft. Der Gastbeitrag.

Von Klaus Brunsmeier, Michael Müller

Vor 15 Jahren wurde in Deutschland jede dritte Kilowattstunde nuklear erzeugt, heute ist es nicht mal mehr jede sechste. Der Atomstrom verschwindet aus den deutschen Steckdosen, spätestens in sieben Jahren soll er Geschichte sein. Aber das Schlusskapitel der Atomenergie ist noch lange nicht geschrieben, es ist wie kaum ein anderes Thema mit tief gehenden Konflikten belastet. Aus gutem Grund, denn seit Ende der 1950er Jahre wurde tonnenweise Atommüll produziert, aber bis heute gibt es keine sichere Verwahrung. Erst wurde das Problem verdrängt, dann ohne eine einzige unterirdische Untersuchung der Salzstock Gorleben in damaliger Grenznähe zur DDR zum Standort erkoren, auch weil der Betrieb von Atomkraftwerken in Deutschland von einem Entsorgungsnachweis abhing. Gorleben wurde für Jahrzehnte zum Alibistandort.

Nun startet das Standortauswahlgesetz einen neuen Anlauf für das schwierigste und teuerste Abwicklungsprojekt in Deutschland. Für das Ziel, Atommüll auf Dauer so sicher wie möglich vom Kreislauf des Lebens abzuschirmen, muss eine nationale Entsorgungspflicht gelten. Das gebietet nicht nur das Verursacherprinzip. Es ist auch eine politische und moralische Pflicht. Den in Deutschland produzierten Atommüll hierzulande auf Dauer sicher getrennt von der Biosphäre zu verwahren, ist aber nicht nur eine technisch-wissenschaftliche Herausforderung, sondern erfordert auch die Klärung wichtiger gesellschaftspolitischer Fragen.

Die Auseinandersetzung um die Atomkraft hat unser Land tief gespalten, Vertrauen ist verloren gegangen. Glaubwürdigkeit muss erst zurückgewonnen werden, nicht nur wegen des Atommülls. Denn auch in anderen Fragen vom Klimaschutz über Fracking bis zur Neuordnung der Mobilität sind die Institutionen und Regelsysteme fragwürdig geworden. Und nicht zuletzt ist die Geschichte der Atomkraft auch eine Geschichte des Versagens der Wissenschaft, die immer wieder falsche Ratschläge gegeben hat.

1955, am Beginn der Atomenergie in Deutschland, herrschte eine aus heutiger Sicht groteske Technikeuphorie vor. Fritz Wolf beschrieb „Das lustige Atom“ in unangebracht humorigen Zeilen, über die man schon lange nicht mehr lachen kann. Kritik wurde als Hysterie abgetan. Dabei stand in dem Büchlein auch: „Was durch Bestrahlung werden kann, da denkt man lieber gar nicht dran.“ Tatsächlich wurden die Gefahren ignoriert, die Befürworter der Atomkraft sprachen von rein theoretischen Risiken. Für sie war es Ignoranz, ja sogar Böswilligkeit, an der Verantwortbarkeit der Atomkraft zu zweifeln. Dies verböte schon die wissenschaftliche Kompetenz der beiden Nobelpreisträger Otto Hahn und Werner Heisenberg.

Barer Unsinn

Das war barer Unsinn. Der Historiker Joachim Radkau belegte anhand der Korrespondenzen von Hahn und Heisenberg, dass sie von Details der Reaktortechnik wenig Ahnung hatten und den Strahlenschutz nicht wichtig nahmen. Hahn hätte am liebsten die Reaktorsicherheitskommission verhindert, um Gedanken an mögliche Gefahren gar nicht erst aufkommen zu lassen. Bereits 1953 behauptete er, die Probleme des Atommülls seien in den USA erfolgreich gelöst. Die beiden Atomphysiker dienten als Aushängeschilder. Eine Rolle, die sie gerne annahmen, weil sie mit der „friedlichen Nutzung des Atoms“ von ihrer Mitverantwortung für den Bau der Atombombe ablenken wollten.

Da schimmert Max Webers „Wissenschaft als Beruf“ durch, wonach der Wissenschaftler sich dadurch auszeichnen muss, „Scheuklappen anzuziehen und sich hineinzusteigern in die Vorstellung, dass das Schicksal seiner Seele davon abhängt“.

Tatsächlich hat sich die Realität von den Normalitätsvorstellungen der Industriegesellschaft weit entfernt, durch die Nutzung der Atomkraft ist sie zu einer Industriefolgengesellschaft geworden, in der die alte Ordnung und die alten Vorstellungen nicht mehr stimmen. Das Atomzeitalter sprengt zeitlich und räumlich den Versicherungsschutz, die Haftung und das Verursacherprinzip. Ulrich Beck beschrieb das als Konflikt der zwei Modernen, die sich durch ihre industriell erzeugten Folgen unterscheiden. Die erste Moderne hatte kontrollierbare Folgen, das sind Risiken. Die zweite Moderne entwickelt nicht kontrollierbare Folgen, das sind Gefahren.

Vor diesem Hintergrund erfordert eine akzeptierte Verwahrung des Atommülls nicht nur den bestmöglichen Stand von Wissenschaft und Technik. Die Herausforderung reicht tief hinein in die Ethik, die Institutionen und das Regelwerk der modernen Industriegesellschaft. Die Gefahren wurden nämlich industriell erzeugt, wirtschaftlich externalisiert, juristisch individualisiert, naturwissenschaftlich legitimiert und politisch verharmlost.

Das stellt die Frage, welche Schlussfolgerungen wir ziehen, um zu neuer Verständigung und neuem Vertrauen zu kommen – nicht nur für den Atommüll, sondern überhaupt im Umgang mit komplexen Technologien. Es geht um die soziale und ökologische Gestaltung der Gesellschaft, bei der sich die Konzerne nicht aus ihrer Verantwortung stehlen, mehr Demokratie verwirklicht und die Antiquiertheit der ersten Moderne überwunden wird.

Als Mitglieder der „Endlagerkommission“ geben wir drei Antworten: Erstens muss, wie in nahezu allen Anhörungen gefordert wurde, die Geschichte der Atomkraft aufgearbeitet werden. Nicht um die alten Schlachten zu wiederholen, sondern um das Verhältnis zwischen gesellschaftlicher Verantwortung, politischer Gestaltung und technisch-ökonomischem Wandel zu klären. Zweitens braucht eine reflexive, nicht einfach nur fortschrittsgläubige Modernisierung eine ethische Grammatik. Und drittens muss die Technikbewertung und Technikfolgenabschätzung einen viel höheren Stellenwert bekommen. Das gehört ins Zentrum politischer Reformen.

Klaus Brunsmeier ist stellvertretender Vorsitzender des BUND und Mitglied der Kommission Lagerung radioaktiver Abfälle. Michael Müller ist Co-Vorsitzender der Kommission und Vorsitzender der Naturfreunde.

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