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Es könnte so friedlich sein auf deutschen Straßen, wenn da nicht die Fanatiker wären.

Straßenverkehr

Das Problem mit den Fanatikern

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Manche Menschen ziehen die Möglichkeit der eigenen Fehlbarkeit nicht in Betracht. Das macht das Zusammenleben schwierig. Die Kolumne.

Das geht jetzt seit einer Weile. Ich komme wieder nicht an diesem Radfahrer vorbei, schleiche ihm also erneut mit 20 Sachen hinterher und warte ewig auf eine Lücke im Gegenverkehr. Damit ist es aber auch genug. An der nächsten roten Ampel stelle ich den Wagen so dicht an die Bordsteinkante, dass er diesmal nicht rechts an mir vorbeirollen und das Theater von vorn losgehen kann. Fies, nicht?

Dabei nehme ich meist selbst das Rad, und Heinrich Strößenreuther ist im Grunde mein Mann. Er betreibt in der Hauptstadt den „Volksentscheid Fahrrad“. Er fordert Platz, Rechte und gewisse Überlebenschancen für Radfahrer. Er trommelt wie ein Duracell-Hase. Neulich schilderte er in einer Zeitung, wie er mit Rinnsteinsackgesichtern respektive meinesgleichen verfährt: Er öffne die Fahrertüren und erkläre denen dahinter, „was sie falsch gemacht haben“.

Die Verkehrserziehung kann er sich schenken. Ich habe, zumindest in diesem Fall, nichts falsch gemacht. Auch Radfahrer müssen prinzipiell links überholen. Wartende Autos dürfen sie langsam und vorsichtig rechts passieren, sofern der Platz ausreicht. So liegt die Rechtslage.

Kraftfahrer wiederum sind keineswegs verpflichtet, eine Gasse freizuhalten. Wer die Anzahl potenziell riskanter Überholvorgänge erhöhen möchte, kann das gern tun. Ich mache es manchmal nicht. Als Radfahrer quetsche ich mich auch nicht überall durch, sondern stelle mich auch mal artig hinten an, mitten in die Spur. So habe ich während der wackeligen Anfahrphase die Straße für mich.

Aber Strößenreuther will da innen lang. Er will, er will, er will, und wenn das nicht funktioniert, dann bockt er, stampft mit dem Fuß, schimpft andere Verkehrsteilnehmer aus, klopft auf Kofferräume oder „wenn ich mich heftig ärgere, öffne ich die Beifahrertür hinten rechts und lasse sie offenstehen. Dann muss der Fahrer aussteigen, um sie wieder zu schließen.“

Das macht der Fahrer allerdings nur, wenn er die offene Fond-Tür gleich bemerkt und nicht erst dann, wenn er damit bereits einen Radfahrer abgeräumt hat. Strößenreuthers Gerechtigkeitsgefühlsvollzug kommt dem, was Paragraph 315b des Strafgesetzbuchs unter einem gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr versteht, schon recht nah. Keine Ahnung, ob er seine Erzählung als Selbstanzeige betrachtet oder sich nur im eigenen Verbalradikalismus suhlt.

Manche sagen, du brauchst solche Leute. Sonst ändert sich nichts. Ich sehe das anders. Muslime brauchen doch auch keine Dschihadisten, oder? Das Problem mit Fanatikern ist ja, dass sie die Möglichkeit der eigenen Fehlbarkeit nicht auch nur entfernt in Betracht ziehen. Weil sie sowieso recht haben, ist das Recht sekundär. Sie sind die Schwachen, die Opfer, die Guten. Apostel des Lichts auf der heiligen Mission, jene zu bekehren, die noch nicht so weit sind.

Meine Lebenserfahrung sagt dagegen, dass es etwa 874 verschiedene Arten gibt, eine Arschgeige zu sein, völlig unabhängig vom gewählten Verkehrsträger. Ab und zu bin ich auch eine. Aber diesmal eben nicht. Stößenreuther war mal Manager und in der Werbung. Jetzt firmiert er als Unternehmensberater. Er mietet Autos nur im Notfall. Schade eigentlich. Ich könnte ihn mir trefflich in einem X6er BMW vorstellen, mit Kuhfänger.

André Mielke ist Autor.

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