Ehrenamt

Das Prinzip Verantwortung

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Konservative mögen die Dienstpflicht. Zwang ist aber das Gegenteil von Mitmachen aus Faszination. Die Kolumne.

Der Mann ist ein Vereinschef von altem Schrot und Korn. Alles schon erlebt, viel bewegt, viel erlitten. Jetzt, im Übergang ins neue Jahr, wirkt er frustriert. Nicht wegen der jungen Leute an sich. Die Anmeldezahlen für die meisten Sportarten sind prima, Kinder und Jugendliche drängen in den Verein, der inzwischen mehrere tausend Mitglieder hat. Eher wegen der Mittelalten. Er nennt sie die Egos.

Als Eltern mischen sie sich überall ein. Sie nerven die Trainer, weil ihnen dieses oder jenes nicht passt. Im Vereinsleben tauchen sie in der Versammlung auf und lassen Dampf ab, stets von sich überzeugt. Danach sind sie ein Jahr lang nicht mehr zu sehen. Von wegen Mitmachen im alltäglichen Ehrenamt: Wenn das so weitergehe, sei bald Schluss mit dem Verein, sagt der alte Vorsitzende. Trotz Anmeldestau bei Kindern und Jugendlichen.

An der Schwelle zu den 20er Jahren ist das keine ungewöhnliche Beobachtung, während die Nachfrage nach Mitmachangeboten eher steigt als fällt. Die CDU hat dazu zuletzt ein billiges Symbolthema aus der Kiste geholt: die Verpflichtung Jüngerer als Ehrenamts-Hilfskräfte („verpflichtendes Gesellschaftsjahr“). Dienstpflicht: Das Wort hörten ältere Konservative immer schon gern. Zwangsverpflichtung ist aber das Gegenteil von Mitmachen aus Faszination. Es wäre einer freien Gesellschaft unwürdig.

Zudem hat es immer Leute von altem Schlag gegeben, die alles in die Binsen gehen sahen, die hinter Kritik nur Profilierung und Eitelkeit witterten. Die genervt bis abgestoßen waren von einer neuen Generation, die viel verlangte und bis dahin wenig geleistet hatte. Die mahnten, sich erst mal einzuordnen und zu bewähren. Alte, deren Zeit vorbei war. Und nach deren Abtritt nicht alles am Ende war, sondern nur eine Ära. In Parteien, Verbänden, Vereinen.

In der Welt der unsäglichen US-Waffenlobby gibt es den Ratschlag, man solle nervigen Nachwuchsleuten am besten eine Pistole in die Hand geben, dann würden sie schon Verantwortung lernen. Das ist wörtlich gemeint tödlicher Unsinn – und aktuell vielleicht das weltweit bitterste Beispiel für Demokratieversagen. Nur in einem sehr, sehr übertragenen Sinn wird ein Rezept daraus: Manchmal lernt man im Leben Verantwortung erst, wenn man sie hat.

Viele Altgediente von heute haben selbst mal als junge Pistoleros (laut Wörterbuch: Banditen) angefangen. Mitunter gibt es sogar Altvordere, die sich in Erinnerung an eigene frühe Zeiten gezielt aufmüpfige Leute für die Nachfolge aussuchen. Auch das nicht immer mit dem erwarteten Erfolg, weil – nicht nur in der Politik – die rapide Anpassungsfähigkeit junger Wilder oft das Vorstellungsvermögen der Alten weit übersteigt. (Mal sehen, was demnächst aus Kevin Kühnert wird.)

Verantwortungsübergabe läuft selten nach Plan und all die Entschuldigungen von wegen Stress und keine Zeit haben manchmal auch ihren Grund: andere Prioritäten. Jedenfalls geht es überhaupt nur, wenn Talente sich entwickeln können, wenn Vertrauen und Werte im Zentrum stehen. Einsatz, Gemeinsamkeit – freiwillig. Was dem Ehrenamt da eher hilft als jede Dienstpflicht, ist das Prinzip Gelassenheit – mit Mut zu Experimentierräumen.

Nachfolger gibt es am Ende meistens doch. Notfalls, wenn die Egos von heute es nicht können oder wollen, übernehmen die Enkel. Und wenn nicht? Dann muss allen klar werden, was fehlen würde. Manchmal hilft das noch. Aber wenn ein Stück gelebte Kultur am Ende wirklich stirbt: Dann zählen all die Ausreden nicht mehr. Dann war es zu vielen die Anstrengung nicht mehr wert.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

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