1. Startseite
  2. Meinung

Prinz Harry oder Sambia?

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Karl-Otto Zentel

Kommentare

Über Harry und Meghan haben wir viel gehört, über Sambia nicht.
Über Harry und Meghan haben wir viel gehört, über Sambia nicht. © Dominic Lipinski/dpa

Armut und Hunger machen meistens keine Schlagzeilen. Über vergessene humanitäre Krisen. Der Gastbeitrag.

Haben Sie letztes Jahr über Oprah Winfreys Interview mit Prinz Harry und seiner Frau Meghan gelesen? Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, denn in Online-Medien wurde mehr als 360 000 mal darüber berichtet. Aber haben Sie etwas über hungernde Frauen und Kinder in Sambia erfahren? Die meisten von uns wohl nicht. Zur Situation von über 1,2 Millionen Menschen in Sambia, die unter Ernährungsunsicherheit leiden, gab es im Vergleich gerade einmal 512 Veröffentlichungen.

Das wissen wir so genau, weil Care nun bereits zum sechsten Mal den Bericht „Suffering in Silence“ erstellt hat. Auf der Basis einer internationalen Medienanalyse werden darin die zehn humanitären Krisen des Jahres 2021 aufgelistet, die am wenigsten Aufmerksamkeit erhielten.

Für Hilfsorganisationen wie Care ist es eine besondere Herausforderung, in diesen vergessenen Ländern Nothilfe zu leisten. Mit der fehlenden Berichterstattung geht zumeist auch eine geringe finanzielle Unterstützung einher, und dadurch fehlt es am Wichtigsten – an konkreter Hilfe für die betroffenen Menschen vor Ort.

Auf der Liste der vergessenen Krisen im Care-Bericht „Suffering in Silence“ befinden sich vier Länder in Afrika, die stark mit den Folgen des Klimawandels zu kämpfen haben: Malawi, Burundi, Niger und Simbabwe. Wo nach Wetterextremen Ernten ausfallen, breitet sich Hunger weiter aus. Die Zahl der Menschen, die humanitäre Hilfe benötigen, ist für 2022 mit prognostizierten 274 Millionen Menschen auf einem neuen Höchststand.

Aber nicht nur in Ländern, die zu den Schauplätzen der vergessenen Krisen gehören, ist die Not groß. Auch in Krisengebieten, über die häufig in den Medien berichtet wird, fehlt Hilfe für die notleidende Bevölkerung. Über den Konflikt in Afghanistan haben wir in den letzten Monaten häufig gelesen. Doch meistens wurde über die politische und militärische Situation berichtet, weniger über das tatsächliche Leid der Bevölkerung.

So bekam die Krise zwar mehr mediale Aufmerksamkeit, den Menschen vor Ort hat dies aber wenig geholfen. Nach aktuellen Informationen der Vereinten Nationen benötigt die afghanische Bevölkerung mit rund 3,9 Milliarden Euro am meisten finanzielle Unterstützung weltweit. Damit entfallen mehr als zehn Prozent der weltweit benötigten humanitären Mittel (36,3 Milliarden Euro) allein auf die afghanische Krise.

Unter der aktuellen Nahrungskrise in Afghanistan leiden vor allem Frauen und Kinder. Gerade Frauen verzichten oft zum Wohle ihrer Familie als erstes auf ihre Mahlzeiten und sind daher die ersten, die hungern. Frauen und Mädchen tragen also die Hauptlast des Konfliktes in Afghanistan. Nicht nur wenn es um genügend Nahrung geht, sondern auch um ungleiche Bildungschancen.

In dem Land dürfen viele Frauen und Mädchen nicht uneingeschränkt Schulen und Universitäten besuchen. Ähnlich sieht es beruflich aus. Seit dem Machtwechsel im vergangenen Jahr verloren 16 Prozent der Frauen ihren Arbeitsplatz. Im gleichen Zeitraum waren es bei den Männern nur sechs Prozent. Wenn sich die Situation in Afghanistan nicht verbessert, könnten bis Mitte 2022 sogar 28 Prozent der Frauen ihre Arbeit verlieren, berichtet die internationale Arbeitsorganisation (ILO). Ein düsterer Ausblick.

Ähnlich wie bei den zehn vergessenen Krisen aus dem Care-Report „Suffering in Silence“, schaffen es diese Details viel zu selten in die deutsche Öffentlichkeit. Die meisten Menschen konzentrieren sich bei ihrem Medienkonsum auf Themen, die ihr Leben unmittelbar betreffen. Die Coronavirus-Pandemie dominiert weiter die Nachrichtenlage. Das Fass an Negativnachrichten ist damit ständig am Überlaufen. Dabei gibt es gerade bei Jüngeren einen neuen medialen Trend.

„Junge Menschen machen sich immer mehr Gedanken über humanitäre Not weltweit und die Klimakrise“, berichtet Omar Bizo, Leiter einer Hilfsorganisation in Niger, mit der Care zusammenarbeitet. „Sie wünschen sich vor allem Ansätze, die Hoffnung und Lösungen bringen, was sicherlich nicht immer möglich ist, aber den Versuch erfordert, den Blickwinkel der Berichterstattung zu erweitern.“

Im Bemühen, diesem Anspruch gerecht zu werden, liegt eine Chance. Care tritt dafür ein, Betroffene zu Wort kommen zu lassen. Ihr Leid soll nicht totgeschwiegen werden, nur weil sich mehr Menschen lieber mit dem Leben der britischen Königsfamilie beschäftigen. Die Menschen in den Ländern der vergessenen Krisen und in großen humanitären Notlagern wie in Afghanistan müssen gehört werden, und sie müssen die dringend benötigte Hilfe erhalten.

Karl-Otto Zentel ist Generalsekretär der Hilfsorganisation Care Deutschland. Der Bericht „Suffering in Silence“ findet sich auf der Homepage von Care unter https://www.care.de.

Auch interessant

Kommentare