Gesundheitsexperte

Die biomedizinische Sicht auf das Virus greift viel zu kurz

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Die Debatte über Corona ist durch die biomedizinische Perspektive beherrscht. Das ist aber viel zu kurz gegriffen. Der Gastbeitrag.

Einmal mehr bringt die aktuelle, schnelle Ausbreitung des Coronavirus eindrücklich die globale Dimension von Gesundheit in das Bewusstsein. Das Virus, das nach jetziger Kenntnis erstmals auf einem Fleischmarkt in der chinesischen Stadt Wuhan auftauchte, hat die etablierten Wege der globalisierten Wirtschaft genutzt, um sich in Windeseile über nahezu den gesamten Erdball zu verteilen.

Anfangs folgte es den Spuren der globalisierten Warenproduktion, die transnationale Unternehmen nach ausschließlich betriebswirtschaftlichen Kriterien an die jeweils billigsten Standorte verlagern, und der größten Dreckschleudern des Massentourismus, den modernen Kreuzfahrern. Der umfangreiche Transport von Waren, Dienstleistungen und Gütern über den Globus eröffnete der neuen Virusvariante alle Türen und Tore für die rasche weitere Ausbreitung.

Nachdem viele Staaten das konsequente Durchgreifen der chinesischen Regierung in der Ausbruchsregion kritisiert hatten, ziehen nun fast alle Länder nach, schließen ihre Grenzen und greifen massiv in das gesellschaftliche Leben und die bürgerlichen Freiheiten ein.

Die für viele Infektionen zutreffende Aussage, eine Ansteckungsgefahr bestehe bereits vor Ausbruch der Symptome, und sich überschlagende Statistiken von Corona-Opfern heizen die zunehmende Panik an, ohne dass irgendjemand bisher erklären könnte, warum wer an der Infektion mit dem Virus stirbt.

Und keiner stellt die Frage, ob die Menschen denn tatsächlich an oder nicht eher mit dem Virus sterben, weil niemand mehr etwas anderes testet als Covid-19. Die Debatte über die Corona-Pandemie ist ausschließlich durch die biomedizinische Perspektive beherrscht.

Aus gesundheitswissenschaftlicher und -politischer Sicht ist dies allerdings viel zu kurz gegriffen. Viel besorgniserregender als der aktuelle Ausbruch ist die anhaltende Weigerung politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entscheidungsträger, zwischen den Epi- oder Pandemieausbrüchen mit derselben Konsequenz gegen die die Ursachen vorzugehen, mit der sie im Krisenfall das gesellschaftliche Leben der Menschen einschränken.

Dabei ist hinlänglich bekannt, dass schon die Ebola-Ausbrüche 2013 und 2014 in Westafrika eine unmittelbare Folge der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen waren: Die intensive Befischung der Meere treibt die küstennah lebende Bevölkerung im westlichen Afrika zur Sicherung ihrer Proteinversorgung immer tiefer in Regenwälder, wo sie mit dem Ebola-Erreger in Kontakt kommen. Gleichzeitig bieten die riesigen Palmölplantagen den Ebola übertragenden Flughunden ideale Lebensbedingungen.

Noch ist die genaue Entstehung der Coronavirus-Pandemie nicht vollständig geklärt. Der Blick auf den Fleischmarkt in Wuhan, der tote und lebendige exotische Tiere bietet, weist darauf hin, dass der aktuelle Seuchenausbruch auf die ausschließlich auf Gewinnmaximierung orientierte, globalisierte Ernährungswirtschaft zurückzuführen ist. Das Bestreben des von den reichen Ländern dieser Erde dominierten Agrobusiness, mit betriebswirtschaftlich optimierten Monokulturen den weltweiten Lebensmittelmarkt zu beherrschen, führt im globalen Süden zu Landraub und zunehmendem Verdrängungsdruck.

Wie in vielen anderen Teilen der Welt gewinnt auch in China die Ausbeutung bisher unberührter Natur in abgelegenen Landstrichen an Bedeutung. Die industrielle Schweine-, Rinder- und Geflügelmast treibt Holzfäller und Wildtierjäger immer tiefer in die Primärwälder, um ihr Überleben zu sichern. Dadurch kommen sie mit bisher unbekannten virulenten und infektiösen Krankheitserregern wie Covid-19 in Kontakt, die auf Tier und Mensch übergreifen können. Ein perfektes System zur Züchtung tödlicher Krankheiten.

Verantwortungsvolle Gesundheits- und Sicherheitspolitik darf sich allerdings nicht auf Quarantäne- und Notfallmaßnahmen beschränken, sondern muss diesen Zusammenhängen Rechnung tragen. Aber offenbar ist es einfacher, die Bewegungsfreiheit der Menschen einzuschränken als die kapitalorientierte Landwirtschaft, deren Gewinnabsichten die Entwicklung besonders virulenter und infektiöser Krankheitserreger fördert, in die Schranken zu weisen.

Dies gilt umso mehr, als sie auch erhebliche Umweltbelastungen durch Ackerbau, Viehzucht und Transport verursacht und durch ihre vielfach schädlichen Produkte der Gesundheit der Menschen unmittelbaren Schaden zufügt. Vielleicht erzeugt die aktuelle Corona-Panik genügend Druck zum Umdenken.

Jens Holst ist selbständiger Berater und Gesundheitsexperte.

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