US-Wahlkampf

Vor der Offensive

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Bernie Sanders macht mit seinem Ausstieg den Weg für Joe Biden frei –  dieser könnte nun eine Brücke aus der Vor-Trump-Zeit in die Zukunft schlagen.

Als der linke US-Senator Bernie Sanders am Mittwoch in einer Videobotschaft seinen Ausstieg aus dem Rennen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur verkündete, wähnte man sich in einem Film aus vergangenen Tagen. Wie lange ist das her, dass zwei Dutzend wackere Bewerber um die Kandidatur stritten?

Im Grunde ist der Vorwahlkampf der US-Demokraten schon seit dem „Super Tuesday“ am 3. März vorbei. Seither steht fest, dass kein Kandidat außer Ex-Vizepräsident Joe Biden eine realistische Chance hat, die Mehrheit hinter sich zu scharen. Kurz darauf hat Corona jedes andere Thema ohnehin überrollt.

Insofern ist es eine gute Nachricht, dass die Partei nun endlich mit einem klaren Spitzenkandidaten gegen Donald Trump antritt. Weniger hoffnungsfroh stimmt die Art und Weise, in der der 78-jährige Sanders seinen Rückzug verkündete. Zu einer Wahlempfehlung für Biden konnte er sich nicht durchringen.

Der Abgang illustriert eindrücklich die Stärken und die Schwächen des bekennenden Sozialisten: Sanders ist stark in der Analyse. Er hat frühzeitig die Missstände des US-Gesundheitssystems angeprangert. Er hat die Demokraten deutlich nach links gerückt. Doch seine kompromisslose Therapie ohne wirklich durchgerechnete Konzepte ist in den USA nicht mehrheitsfähig. Und sein harsches, von einem übergroßen Ego geprägtes Auftreten stößt viele Menschen ab.

Joe Biden verkörpert in mancher Hinsicht das Gegenbild zu Sanders. Er ist ein mäßiger Redner. Seine pragmatischen Konzepte strahlen nicht. Aber er ist ein Sympathieträger, der zuhört und Anteilnahme ausstrahlt. Das hat ihm die wichtige Unterstützung der afro-amerikanischen Gemeinschaft eingebracht. Und gemeinsam mit seiner politischen Erfahrung und seiner eindrucksvollen Lebensgeschichte verschafft es ihm Unterstützung auch von Wechselwählern.

Es stimmt: Biden ist nicht mehr der Jüngste, und das merkt man ihm gelegentlich an. Doch mit seiner Integrität, seinem Anstand und seiner Empathie steht er für ein echtes Kontrastprogramm zu dem autokratischen Egomanen im Weißen Haus. Mit einer überzeugenden Vizepräsidentin und einem jungen, diversen Kern-Kabinett könnte Biden eine Brücke aus der Vor-Trump-Zeit in die Zukunft schlagen.

Ob es wirklich so kommt, ist derzeit freilich offener denn je. Es wird nun höchste Zeit, dass der Herausforderer sichtbarer wird und mit politischen Initiativen in die Offensive kommt. Das Ende der parteiinternen Personalquerelen schafft dafür eine wichtige Voraussetzung. Mehr aber auch nicht.

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