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Präsident ohne Hand

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Donald Trump und der "Merkel-Moment".

Mit fast schon buddhistischer Ruhe sei Angela Merkel zu Donald Trump gereist: Was der „Weser-Kurier“ beobachtete, bestätigen die Bilder des denkwürdigen Besuchs. Vor allem jene Szene: Der US-Präsident ignoriert die Einladung der Kanzlerin zum Handschlag für die Weltpresse. Ihr Gesicht sagt, fast amüsiert: „Dann eben nicht.“

Medien weltweit griffen das auf. Der britische „Guardian“ schreibt: „Es klingt lächerlich, aber es wächst der Eindruck, als könne man Donald Trumps Außenpolitik an der bizarren Art erkennen, wie er die Hände ausländischer Politiker schüttelt. Erst kam der Abe-Überfall: 19 Sekunden lang hielt Trump die Hand des japanischen Premiers, um zu zeigen, wer der Boss ist. Es folgte der Trudeau-Aufstand: Der junge Justin hatte wohl geübt, denn er legte seine Hand auf Trumps Schulter – und erzwang so den Handshake zwischen Gleichen. Nicht zu vergessen der May-Greifer. Und nun der Merkel-Moment (…) Trump sitzt da wie ein Mann, der in der U-Bahn (die er sicherlich nie benutzt) zwei Sitze belegt. Merkel zuckt leicht mit der Schulter und wendet sich ab.“

Trump habe „wie ein bockiges & zickiges kleines Kind geguckt“, urteilt eine Twitterin namens Perlenmarmelade. Aber auch das sachliche Ergebnis des Treffens findet Beachtung. Die „New York Times“ schreibt: „Der große Zerstörer tritt der letzten Verteidigerin der liberalen Weltordnung gegenüber. Welten trennen sie in Stil und Politik, doch Mr. Trump und Ms. Merkel wollten zeigen, dass sie zusammenarbeiten. (...) Aber sie konnten den Graben, der sie beim Thema Handel, Einwanderung und einer Reihe anderer heikler Fragen trennt, nicht verbergen.“

Die spanische Zeitung „El País“ erinnert an Trumps Plan, Mauern zu bauen, sowie an Merkels Schicksal hinter einer solchen. Das Blatt erklärt Merkels Strategie so: „Sie hatte auch die Wahl im September im Blick, wo jedes Ungleichgewicht tödliche Folgen für sie haben kann. Denn Trump ist in Deutschland höchst unbeliebt. (...) Vor dem US-Präsidenten Schwäche zu zeigen, könnte viele Wählerstimmen kosten, aber sich zu weit zu entfernen ebenso. Darunter würde die Wirtschaft leiden.“

Die „Schwäbische Zeitung“ lobt: „Die Kanzlerin hat demonstriert, dass sie auch die mächtigsten Männer auf Abstand zu halten in der Lage ist.“ Und die „Rheinische Post“ meint, Merkel habe ihre wichtigsten Punkte durchgesetzt – das Bekenntnis zur Nato und Rückendeckung für ihre Ukraine-Politik. „Sie hat ihren Antrittsbesuch glatt über die Bühne gebracht. Das ist mehr, als man hatte erwarten können.“

Lob aus den USA ernten deutsche Journalisten, die bei der Pressekonferenz Trump unter anderem direkt fragten, warum er bewusst Unwahrheiten verbreite. Ryan Lizza von CNN staunt: „Was für ein Unterschied zwischen den Fragen des amerikanischen Reporters und der deutschen Reporterin.“

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