Kolumne

Ein Pop-Märchen

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Jüdisch und arabisch harmoniert bei der Sängerin Nasrin Kadry. Hoffentlich gelingt das irgendwann auch in der Politik.

Die Geschichte von Nasrin Kadry klingt wie eine Aschenputtel-Story. Als Tochter einer muslimischen Familie in Haifa – der Vater ein Taxifahrer, die Mutter oft krank – wächst sie nicht gerade mit einem Silberlöffel im Mund auf. Kaum raus aus der Schule geht Nasrin putzen, um zum Familienunterhalt beizutragen. Abends schlüpft sie in High-Heels und singt in Bars.

Sie hat eine großartige Stimme, warm, klar und ausdrucksstark. Manche vergleichen sie mit Umm Kulthum, der ägyptischen Diva, die noch Jahrzehnte nach ihrem Tod in der arabischen Welt einen Ruhm genießt wie die Beatles im Westen. Wenn Nasrin deren Klassiker vorträgt, versehen mit einem Schuss Pop, ist ihr Publikum hin und weg.

Irgendwann erscheint auch ihr Prinz, sie verliebt sich in einen jüdischen Darbuka-Trommler. Aber ihren Durchbruch verdankt sie ihrer Stimme. 2012 kürt eine israelische Talente-Show sie zur besten Misrahi-Sängerin. Misrahi heißt östlich auf Hebräisch. In der Musik ist damit ein Mix gemeint aus Orient und Okzident mit Oud, der arabischen Laute, und Darbukas, Geigen und E-Gitarre.

Misrahim werden auch die orientalischen Juden genannt, die aus Marokko, Tunesien oder Irak stammen. Sie werden zu Nasrins größten Fans. Dabei haben die Misrahim pauschal gesehen für die arabische Minderheit in Israel wenig übrig. Andererseits lieben sie arabische Kultur.

Heute jedenfalls ist Nasrin mit 33 Jahren die Pop-Ikone in Israel. Ein Star, der die größten Konzerthallen des Landes füllt und wie Madonna oder Lady Gaga ohne Nachnamen auskommt. Sogar die „New York Times“ hat ihr kürzlich einen langen Artikel gewidmet.

Aber so bemerkenswert ihre Erfolgsgeschichte ist, das Phänomenalste daran sind die Widersprüche zwischen Pop und Politik. Ihren Auftritt bei den Staatsfeiern zum israelischen Unabhängigkeitstag 2017 etwa hatte Nasrin Kadry der rechten Kulturministerin Miri Regev zu verdanken, berüchtigt als Zensorin kritischer Künstler, vor allem arabischer Theatermacher. Aber Miri Regev hört eben gerne Misrahi-Musik, ganz besonders die von Nasrin. Zumal die viele Songs auch in Hebräisch singt und dabei ist, zum Judentum zu konvertieren.

Klar trägt das zu ihrer Popularität unter jüdischen Israelis bei. Was wiederum manchen arabischen Israelis missfällt. Sie finden, Nasrin Kadry schmeiße sich zu sehr der Mehrheitsgesellschaft an den Hals, von der sie sich selber ausgegrenzt fühlen.

Der sogenannte Jahrhundertdeal von US-Präsident Donald Trump hat die Araber mit israelischem Pass darin noch bestärkt. Enthält er doch den Vorschlag, ihre Städte in Nähe zum Westjordanland den palästinensischen Gebieten zuzuschlagen und die Bewohner auszubürgern. Die Empörung darüber ist einhellig im arabischen Sektor. Gerade deshalb haben die allermeisten Wählerinnen und Wähler dort für ihre eigenen Leute, die Vereinigte Liste, gestimmt.

Aber Nasrin ist auch nur die Spitze eines kulturellen Phänomens. Im politischen Establishment haben antiarabische Ressentiments noch immer Konjunktur, wie der Wahlkampf gezeigt hat. Nichtsdestotrotz rennen Israelis – Misrahim, Russen und selbst fromme Schläfengelockte – in die Schuppen mit arabischer Musik. Bauchtanz-Kurse gelten als hipp und Shisha-Lokale sowieso.

Wächst da von unten der Wunsch, zur Levante gehören zu wollen? Jüdisch und arabisch – im Pop passt das längst zusammen. Und irgendwann, so meine kühne Hoffnung, vielleicht auch in der Politik.

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