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Polizeieinsatz bei einem Fußballspiel. Künftig könnten die Kosten für Polizeieinsätze beim Fußballverein landen.

Polizeieinsätze bei Fußballspielen

Die Kosten des Spiels

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Fußballvereine müssen für Polizeieinsätze bezahlen. Das Urteil ist bedenklich und zieht Diskussionen nach sich. Wie teuer muss Sicherheit eigentlich sein und welche Fans wollen sich die Klubs leisten? Der Leitartikel.

Es ist erst ein paar Wochen her, dass die Polizei in der Frankfurter WM-Arena hart durchgriff. Weil sie vermuteten, die Eintracht-Anhänger wollten beim Spiel gegen Schachtjor Donezk Pyrotechnik zünden, durchsuchten die Beamten die Fankurve. Anschließend stellten sie ein Transparent sicher, das die Frankfurter Ultras auf die Schnelle entworfen hatten und das sich gegen den hessischen Innenminister Peter Beuth (CDU) richtete. Dabei ging die Polizei brutal vor, ein Fan erlitt einen Bruch des Lendenwirbels, mittlerweile ermittelt die Justiz gegen die Beamten. Die Verantwortlichen von Eintracht Frankfurt zeigten sich schockiert, Vorstand Axel Hellmann sprach von einem Eklat und äußerte rechtsstaatliche Bedenken.

Nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zu den Polizeigebühren könnten derartige Einsätze demnächst noch eine besondere Note bekommen. Grundsätzlich wäre es rechtmäßig, wenn Eintracht Frankfurt für ein Vorgehen, das der Verein rundherum ablehnt, auch noch die Kosten übernehmen muss.

Umfragen zufolge sagt die ganz große Mehrheit in der Bevölkerung: Wenn die Vereine für Polizeieinsätze bezahlen müssen, trifft es keine Falschen. Und es ist wirklich schwer zu vermitteln, dass die Profivereine, die im Jahr mehr als vier Milliarden Euro erlösen, etwa die Kosten für die Begleitung von sogenannten Problemfans bei besonders brisanten Spielen der Allgemeinheit aufdrücken wollen. Tatsächlich aber ist das Urteil zumindest bedenklich, denn es stellt einen Grundsatz infrage: Ist es weiterhin eine rein staatliche Aufgabe, die Sicherheit im öffentlichen Raum zu garantieren, wenn Private dafür bezahlen müssen?

In nächster Zeit wird es jede Menge Fragen geben, die sich aus dem Urteil ergeben: Was ist überhaupt ein Hochrisikospiel, wer legt die Kriterien dafür fest und welchen Einfluss haben die Vereine darauf, wenn sie für die Einsätze zahlen müssen? Vermutlich werden wir merkwürdige Diskussionen erleben. Ja, eine Partie zwischen dem Hamburger SV und St. Pauli ist unstrittig ein Spiel, bei dem die Polizei mehr Kräfte als üblich einsetzen muss. Aber müssen es wirklich vier Wasserwerfer sein, reichen nicht doch zwei? Und eine einzelne Reiterstaffel tut es doch auch … Eben solche Argumente werden Vereine in Zukunft ins Feld führen. Die Vorstellung, die Polizei alleine bestimme weiter über den Einsatz und die Vereine würden alle Rechnungen kommentarlos abnicken, ist realitätsfern.

Zudem müssen die Folgen des Urteils nicht auf den Fußball beschränkt bleiben. Oft war in der Diskussion vor dem Richterspruch von Festen die Rede, bei denen die Polizei im Einsatz ist. Wieder wird es eine Auslegungssache sein. Wie viel Polizei ist nötig, um etwa das Oktoberfest zu schützen? Ist es noch verhältnismäßig, dass die Steuerzahler die Kosten für den Einsatz übernehmen? Und wann kommt man an den Punkt, an dem bestimmte Feiern einfach nicht mehr erlaubt werden?

Lesen Sie dazu auch unser Pro und Kontra:

Pro - Eine Frage der Moral

Kontra - Eine staatliche Aufgabe

Interessant dürfte vor allem werden, ob sich durch das Urteil auf lange Sicht das Verhältnis zwischen den Vereinen und ihren Fans verändert. Schon jetzt gibt es gerade im Umgang mit den Ultras ein Spannungsfeld. Auf der einen Seite schätzen die Vereine die bedingungslose Unterstützung, die ihre Mannschaft durch diese sehr laut und entschlossen auftretende Fan-Gruppe erfährt. Choreographien werden begeistert aufgenommen und zu Werbezwecken eingesetzt. Doch wer sich die Stimmung von Ultras machen lässt, muss wissen: Zu ihrer Philosophie gehören Pyrotechnik und in gewissen Konstellationen auch Gewalt zwingend dazu. Wenn die Vereine für diese Fans nun nicht mehr nur die vom DFB verhängten Strafen bezahlen müssen, sondern auch über die Polizeikosten für sie zur Kasse gebeten werden, könnte bei manchen Klubs ein Umdenken in Bezug auf die Ultras einsetzen.

Viele Zuschauer, die auf Pyroshows im Stadion keine Lust mehr haben, würden das begrüßen. Doch zur Wahrheit gehört auch: Ohne die Fans, die mit dem Urteil vom Freitag gemeint sind, drohen in Zukunft häufiger Veranstaltungen wie zuletzt das Länderspiel zwischen Deutschland und Serbien, bei dem eben nicht die aktive Fanszene, sondern ausschließlich Event-Publikum im Wolfsburger Stadion saß und für eine beängstigend stimmungsfreie Atmosphäre sorgte.

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