Gastbeitrag

Politische Bildung aufwerten

Demokratie wird nicht nur an der Wahlurne gelebt: In den Betrieben wird eine wichtige Grundlage gelegt.

Politische Bildung ist existenziell, „weil Demokratie die einzige Staatsform ist, die gelernt werden muss“. Der Sozialphilosoph Oskar Negt ist mit diesem vor Jahren geschriebenen Satz mitten im Heute: Fake News statt Nachrichten, populistische Verleumdungen statt belastbare Argumente, Wahlerfolge von Rechten und Rechtsradikalen. Wenn so die Tagesordnung aussieht, dann geht es um die Stärke unserer Demokratie.

Demokrat sein zu dürfen, ist ein Privileg; schauen wir uns nur um auf der Welt. Die damit verbundenen Rechte zu nutzen, will geübt sein. Denn Demokratie ist viel mehr als eine sekundenschnell gepostete Meinung. Demokratie lebt von Gestaltung und Gestaltungswilligen.

Millionen Arbeitsplätze, Produktionsprozesse, Geschäftsmodelle und Märkte verändern sich in hohem Tempo — weil Roboter, Künstliche Intelligenz und digitales Werkzeug schnell und durchgreifend Einzug halten. Eine Umwälzung.

Deutlich mehr als zwei Millionen Mitglieder — fast jede und jeder Vierte mit Migrationshintergrund — hat die IG Metall und ist damit ein bedeutender Teil dieser Bürgergesellschaft. Eine Gewerkschaft, die über eine für diese gesamte Gesellschaft hochbedeutsame Expertise verfügt: Weil sie in Tausenden Unternehmen Belegschaften organisiert, die aus mehr als 100 Ländern stammen und die unter anspruchsvollen Arbeits- und Leistungsbedingungen (trotzdem) in der Regel gut zusammenarbeiten.

So erwerben sich nicht nur Zehntausende bei Tarifkämpfen und in den Betrieben praktische Erfahrungen in demokratischer Mitgestaltung. Dieses demokratische Erfahrungswissen rund um die betriebliche Mitbestimmung — allein in der Metall- und Elektroindustrie sind als Vertreter der Beschäftigten über 50 000 Betriebsräte und weitere 50 000 Vertrauensleute aktiv — wird meines Erachtens viel zu selten mit der politischen Demokratie verknüpft.

Dabei belegt eine aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung (HBS) und des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB): In Ländern mit starker Arbeitnehmerbeteiligung in den Betrieben ist auch die politische Demokratie stärker. Mit anderen Worten: Wirtschaftliche und politische Demokratie sind zwei Seiten einer Medaille. Genauso stehen politische und berufliche Bildung inhaltlich ebenfalls in einer engen Wechselwirkung und sind nicht voneinander zu trennen.

Für die IG Metall hat politische Bildung seit langem einen hohen Stellenwert. In der öffentlichen Debatte wird zu oft versucht, Bildung einseitig und ökonomisch zu verwerten: Employability, das Erlernen rein beruflicher Kompetenzen, Selbststeuerung sind die Stichworte.

Wirtschaftslobbyisten und Arbeitgeberverbände versuchen, politische gegen berufliche Bildung auszuspielen. In der Auseinandersetzung um Bildungszeitgesetze in Bayern und Sachsen wird diese Verhinderungsstrategie sehr deutlich. Ich halte das Gegenteil für richtig: Politische Bildung muss in diesen Zeiten des Rechtspopulismus und der Umbrüche in der Arbeitswelt radikal aufgewertet werden.

Es wäre fahrlässig, dies nicht zu tun: aus Sicht der Demokratie und im Interesse der Beschäftigten. Denn in einem Punkt stimmen alle Prognosen überein: Durch die Digitalisierung werden sich Berufs- und Tätigkeitsprofile und damit die Qualifikationsanforderungen gravierend verändern.

Sich deshalb teilweise beruflich sogar neu zu orientieren, sich auf jeden Fall weiterzubilden, daran führt für viele kein Weg vorbei. Eine enge berufliche Qualifizierung hieße jedoch, den Weg bestenfalls nur zur Hälfte zu gehen. Denn dieses Mal geht es um mehr als nur um „ein bisschen mehr Weiterbildung“. Es ist vielmehr unabdingbar, dass die Beschäftigten bereit und fähig sind, diesen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel zu verstehen, seine Risiken und Chancen zu erkennen, ihn aktiv mitzugestalten, um sich dann überzeugt und selbstbewusst der Neuorientierung zu stellen.

Ich bin überzeugt: Menschen sind dann motiviert, kreativ und dem Neuen gegenüber aufgeschlossen, wenn sie etwas Sinnvolles tun. Und sinnvoll ist für sie nur etwas, von dem sie wissen, warum sie es tun und zu wessen Nutzen.

Deshalb führt nur ein integrativer Ansatz weiter. Wir brauchen einen gesellschaftlichen Diskurs, der eine bildungspolitische Debatte um Demokratisierung und soziale Innovation mitbefördert. Nur wenn wir die neuen Techniken so einsetzen, dass sie den Interessen der Beschäftigten und denen unserer demokratischen Gesellschaft entsprechen, kann aus dieser Transformation Fortschritt entstehen

Irene Schulz ist Mitglied des Geschäftsführenden Vorstands der IG Metall. In Kürze erscheint das Buch: Irene Schulz (Hrsg.), „Industrie im Wandel - Bildungsarbeit in Bewegung“. 

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