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Die Politiker können sagen, was sie wollen. Und sie tun es ohne Charme.

Politik

Politiker reden an den Menschen vorbei

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Politiker können sagen, was sie wollen. Warum sprechen so viele ohne Charme, ohne Schönheit, ohne Witz?

Bei wichtigen Anlässen und längeren Krankheiten sehe ich im Fernsehen die Debatten im Bundestag. Ich denke, dass ich so einen genauen, leibhaftigen, ungeschnittenen Eindruck von Personen bekomme. Nach allem, was ich gelesen habe, verdienen ranghohe Politiker sehr gut, aber viel weniger als Wirtschaftsführer. Sie haben menschenfeindliche Arbeitszeiten, kaum ein freies Wochenende und werden von den Medien in der Regel runtergemacht, manchmal nur wegen weißer Socken. Ich könnte das nicht aushalten.

Man sieht die Damen und Herren im Bundestag, bei Interviews und Talkshows. Man begegnet ihnen öfter, wenn sie bekannt oder irgendwie aufgefallen sind. Die anderen, sogenannte Hinterbänkler, aber eben auch MdB, hoffen auf Glück und Zufall. Zum erfolgreichen Politiker gehören Gesundheit, Machtinstinkt und eine gewisse Taubheit gegenüber fremden Argumenten. Männer wie Frauen stehen für nicht mehr groß veränderbare Meinungen, weshalb sie sich in ihren Parteien verankern und einmotten.

Ich möchte mir als Wählerin ein Bild machen. Politiker wollen dem Volk nahe sein. Sagen sie. Aber warum reden so viele an den normalen Leuten vorbei? Gespreizt und verfloskelt? Abgerufen aufgeregt? Und wundern sich über Ablehnung?

In meinem ersten Leben waren die Reden von DDR-Politikern der Inbegriff der Leere – am nächsten Tag in voller Länge im „Neuen Deutschland“ abgedruckt: Genitivketten, Substantivierungen, Pathetik. Erich Honecker schickte Grußbotschaften an den Verbandskongress der Film- und Fernsehschaffenden und hangelte sich durch „allseitige Stärkung“, „weitere Gestaltung“, „höhere Maßstäbe“, „hohe ideologische Wirksamkeit“. Kurt Hager hoffte bei einer Rede beim Schriftstellerverband „die Potenz der Literatur für den Sozialismus noch fruchtbarer zu machen“. Man nahm das hin und dachte an was anderes.

Aber heute? Politiker können doch sagen, was sie wollen – warum sprechen so viele ohne Charme, ohne Schönheit, ohne Witz? Ausgenommen Norbert Lammert und ein paar andere. „Prozessoptimierung“, „effektivere Priorisierung“, „Passersatzpapierbeschaffung“. Vorhaben sind „zielführend“ oder „nicht zielführend“. Sie sagen „von daher“, was einen Ortsbezug hat, statt „deshalb“, was sich auf einen Gedanken bezieht. Sie sprechen „schlussendlich“ für ihresgleichen – nicht für die „Menschen im Land“, die sie wie Geister herbeizitieren. Die Anrede „Meine sehr verehrten Damen und Herren!“ ertönt zwischendurch wie ein Refrain oder wenn im Saal Tumult entstanden ist.

Es sieht nach Vergatterung aus, wenn Redner nur von den Blöcken Applaus erhalten, in denen die Mitglieder ihrer Partei oder der Koalition sitzen. Beim nächsten Redner klatscht ein anderer Block. Als Martin Schulz Kanzlerkandidat wurde, sagte Sahra Wagenknecht wie aus der Pistole geschossen: „Das wird der SPD auch nicht mehr Stimmen bringen.“ Der CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer kommentierte die Wahl des Linken Bodo Ramelow zum Ministerpräsidenten von Thüringen als „Tag der Schande für das wiedervereinigte Deutschland“.

Sprache ist Denken. Viele Politiker neigen zu unkontrollierten Reflexen. Vielleicht sind die privat alle ganz sympathisch, aber das können die Menschen im Land ja nicht wissen.

Regine Sylvester ist Autorin.

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