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ARD-Talksendung "Günther Jauch"

Diskurs

Politiker raus aus den Talkshows

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Talkshows sollten nicht länger eine Bühne für Parteikämpfer sein. Die geben sich, egal, welche Partei sie vertreten, nicht viel. Die Kolumne.

Als die AfD-Politikerin Alice Weidel kürzlich in einer Talkrunde zu Gast war, konnte sie inhaltlich wenig beitragen. Thema bei Anne Will war die Politposse in Thüringen, bei der sich keiner mit Ruhm bekleckert hatte. CDU-Wirtschaftsminister Peter Altmaier fand sich im verbalen Würgegriff sämtlicher Diskutantinnen, während Weidel den irritierenden Soundtrack lieferte. Das sei einfach alles „unglaublich“, empörte es sich mehrfach aus ihr heraus, begleitet vom wohl gezielt eingesetzten pubertären Kichern.

Nun müsste das eigentlich keinen Menschen scheren, da es sich mit politischen Talkshows analog zur „Bild“-Zeitung verhält. Niemand muss erstere einschalten, geschweige denn letztere lesen. Das ändert jedoch nichts daran, dass beide Medien millionenfach als Meinungssetzer rezipiert werden.

Politiker in Talkshows: Bühne für Parteikämpfer

Entsprechend wird der Polittalk in den Öffentlich-Rechtlichen gemeinhin als „politischer Journalismus“ verkauft, weshalb regelmäßig Zuschauer am Tanz der meinungsstarken Politprotagonisten teilhaben können. Deren Auftrag ist es, die der eigenen Person und Partei anhaftende Agenda möglichst durchsetzungsstark zu vertreten. Sind es doch in erster Linie Politiker, die ein das Volk aufwühlendes Thema besprechen, auf dass die Öffentlichkeit einen Mehrwert erfahre.

Oder auch nicht, denn das ursprüngliche Ziel einer Talkshow, sich im streitbaren Diskurs der Lösung eines Problems anzunähern, dürfte sich bereits mit Sabine Christiansen (die Älteren mögen sich erinnern) verabschiedet haben. Im für die Produzenten günstigen TV-Format wird das Fernsehstudio eine Bühne für Parteikämpfer, die am Diskurs schon kein Interesse hatten, als es die AfD noch gar nicht gab. Der setzt nämlich neben der Bezugnahme auch ein konkretes Bedürfnis nach konstruktiver Verständigung mit dem Gegenüber voraus – was im diametralen Gegensatz zum Profilierungsauftrag einer Parteipolitikerin steht.

Talkshows mit Politikern: Krawall statt Aufklärung

An diesem Punkt geben sich die Protagonisten nicht viel, ob sie sich jetzt aus dem sogenannten etablierten Parteienspektrum oder aus der extrem rechten AfD rekrutieren. Was also spricht dagegen, wenn sich alle „die gemeinsame Öffentlichkeit“ (Sandra Maischberger) einer Talkshow teilen? Vom Unterhaltungs- respektive Krawall-Faktor nichts, denn Aufklärung ist gar nicht eingepreist.

Dennoch darf das nicht bedeuten, menschenverachtenden Äußerungen eine Sendezeit einzuräumen. Ganz abgesehen davon, dass früher oder später „Illner“, „Will“, „Maischberger“ und „Plasberg“ sowieso abgeschafft würden, ginge es nach den regelmäßig geladenen blau-braunen Gästen. Schon alleine daher verbietet es sich, den Höckes und Weidels die Fahrt nach Berlin oder Köln zu finanzieren.

Maischberger, Will und Lanz: Es geht vor allem um die Quote

In einem Interview versucht Sandra Maischberger einen Spagat dahingehend, dass es zu jeder „Rede Gegenreden gibt“, womit sie die Einladung der Höckes rechtfertigt. Das impliziert einander zuzuhören, was allgemein ausgeschlossen werden kann. Insofern geht es vor allem um die Quote – alles andere ist eher eine Scheinargumentation.

Praktiziert wird das Gegenteil von intellektuellem Austausch, vielmehr wirkt die gesellschaftliche Polarisierung auf der Wohnzimmercouch weiter. Daher mein Vorschlag: Alle (!) Politiker raus aus den Talkshows. Stattdessen besprechen Menschen, die weder vom parteipolitischen noch vom Profilierungsdruck gesteuert sind, die relevanten Themen. Dann hätten wir eventuell „politischen Journalismus“.

Katja Thorwarth ist Autorin und Onlineredakteurin.

Die ARD-Moderatorin Sandra Maischberger versucht, Bürger ins direkte Gespräch mit Politikern zu bringen – das war noch nie eine gute Idee.

Maybrit Illner sprach im ZDF-Talk mit ihren Gästen über die Corona-Krise. Dabei deutete Virologe Christian Drosten an, dass man auch unkonventionelle Wege zu gehen bereit sei.

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