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Die Feldlerche wird es wohl auch schaffen. Das gilt aber längst nicht für alle Arten.

Artensterben

Politik der öden Äcker

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Die Artenvielfalt geht bedrohlich zurück. Aber nichts deutet darauf hin, dass die Verantwortlichen in Deutschland und Europa umdenken. Der Leitartikel in der FR.

Jeder weiß es, und wer es nicht weiß, der ahnt es: Draußen auf dem Land stimmt etwas nicht. Immer weniger Vögel, kaum noch Insekten, dafür ständig größer werdende Felder, mehr Mais, mehr Wintergetreide, aber keine Brachen wie früher. Die Wege asphaltiert, die Hecken gerodet. Der Blick bleibt nicht mehr an solitären Bäumen, an Eichen, Äpfeln, Kirschen oder an den zu jeder Jahreszeit bunten Feldrainen hängen, sondern allenfalls an den Betonröhren öder Windräder.

Der Politik, ob in Berlin oder Brüssel, ist der unheilvolle Niedergang unserer Landschaft bestens bekannt. Immer wieder zückt sie dicke Papiere und verkündet, der Rückgang der Artenvielfalt werde bis 2010 gestoppt, dann bis 2015, dann 2020 oder – so die Kanzlerin in ihrem Nachhaltigkeitsbericht – gleich erst 2030. Dann soll es besser sein.

Nur ist genauso sicher: Mit den Mitteln, die derzeit in der EU wie auf nationaler Ebene angewendet werden, wird der Verlust der Artenvielfalt auch 2030 nicht gestoppt sein. Zwar dürfte dann die Feldlerche, der diesjährige Vogel des Jahres und als solcher Stellvertreter und zugleich Indikator für die Lage von Fauna und Flora der hiesigen Agrarlandschaft, überlebt haben. Doch ihre Zahl wird wohl noch weiter dezimiert sein. Derzeit nimmt der Bestand dieses Feldvogels pro Jahr zwischen einem und 1,5 Prozent ab.

Die Politik nimmt Landwirtschaft mit Chemie in Kauf

Dagegen helfen kein „Greening“ der europäischen Agrarpolitik mit ihren ökologischen Vorrangflächen, kein Zuwachs der Ökofläche, keine Agrarumweltprogramme. Kein Wunder, denn in einer Chemie-, das heißt Pestizid-basierten Landwirtschaft fehlt dem Vogel die Nahrung. Sie ist vernichtet. Da helfen eben auch keine Lerchenfenster als Lande- und Brutplatz, wie sie der Bauernverband stolz präsentiert.

All das nimmt die Politik in Kauf. Wie kann denn auch die Feldlerche gegen Hektarerträge und eine Land-Wirtschaft anstinken, die mit ideeller und finanzieller Rückendeckung der EU den Weltmarkt erobert? Deutschland rangiert beim Export von Agrarerzeugnissen und Lebensmitteln nach den USA und den Niederlanden auf Platz drei. Dass dies so bleiben soll, dafür sorgt eine bärenstarke Lobby, die am liebsten nichts verändern will und weiter gerne die Hand aufhält.

Die Landwirtschaft, die sich gerade wieder auf der „Grünen Woche“ in Berlin präsentiert, hat sich an die Zahlungen der EU gewöhnt und argumentiert, sie benötige das Geld, um die Wettbewerbsnachteile auf dem Weltmarkt auszugleichen. Doch dort, und das zeigt ja gerade die Stellung Deutschlands auf Exportmärkten, gelten Käse, Hähnchenteile und Schweinefleisch Made in Germany als von Brüssel gesponserte Billig-, Dumping- und Massenprodukte, die etwa auf den Märkten Afrikas einen Flurschaden bei den dort heimischen Erzeugern hinterlassen. Doch hierzulande rührt niemand an dem Scheck aus Brüssel, zumal auch die hiesigen Erzeuger der Export-Massenware kaum etwas verdienen und das Geld brauchen.

Es braucht mehr Brachen für Insekten und Vögel

Derweil nehmen die Vorschläge der EU-Kommission für die nächste Förderperiode einen Kurs, der die pauschalen, weder historisch noch aktuell sachlich begründbaren Zahlungen pro Hektar kultiviert und die ökologischen Komponenten zu vernachlässigen droht. Zwar sollen sich Landwirte erstmals mit dem Bezug der Hektarprämien verpflichten, Umweltstandards einzuhalten. Doch wie ambitioniert sehen die aus? Bleibt es etwa bei der Vorgabe von fünf Prozent ökologischer Vorrangfläche? Solche Brachen sind essentiell für die Insekten- und Vogelnatur in der Agrarlandschaft.

Auf diese Basisvorgaben will die Kommission ein „Greening-plus“ draufsatteln, das aber völlig freiwillig ist und dessen Inhalte von den Mitgliedstaaten selbst definiert werden. Die Ökoziele würden damit renationalisiert. Das ist neu im Agrarbereich, der wie kein zweiter europäischer Politikzweig von der EU dirigiert wird.

Die große Gefahr besteht darin, dass einzelne Länder im Greening-plus die Umweltauflagen sehr wenig mit Sanktionen versehen, um ihren Bauern möglichst anstrengungsfrei viele Prämien zuzuschustern. Das provoziert ausgerechnet im sensiblen Bereich der Ökologie einen Wettlauf nach unten – und kann eine Neiddebatte unter Europas Landwirten auslösen.

Zum anderen könnten Länder wie Deutschland auf die Idee kommen, auch die Förderung des smart farmings, also die Digitalisierung der Landwirtschaft, als Mittel zum Schutz der Biodiversität anzusehen und sie als Öko-Tat zu verkaufen. Der Gedanke liegt nicht so fern, hat doch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) an der These einen Narren gefressen, wonach ein durch GPS oder Sensoren gesteuerter Traktor Dünger und Pestizide effizienter verteilt. Womit angeblich weniger Gifte aufs Land kämen.

Doch der vermeintliche Effekt des smart farmings beruht auf einem Missverständnis: Wer einmal in eine teure Maschine investiert hat, der will sie auch ausnutzen. Also fährt er nicht einmal übern Schlag, sondern mehrfach. Oder er fährt dort, wo es sich bisher für ihn nicht lohnte, Kunstdünger oder Herbizide zu verteilen. Der Natur wäre damit ein Bärendienst erwiesen.

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