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Der Begriff Ankerzentrum ist ein Beispiel für verschleiernde Sprache

Ankerzentren

Politik nicht verschleiern

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Eine klare Sprache ist notwendig, um politische Prozesse angemessen darzustellen. Dann wird auch nichts beschönigt. Der Leitartikel.

Eigentlich kennen wir Horst Seehofer als einen Mann klarer Worte. Der sich nicht scheut, drastisch zu formulieren, wenn er Dinge angeht, die ihm missfallen, zum Beispiel die aus seiner Sicht zu hohe Zahl der in Deutschland Zuflucht suchenden Menschen. Als Bundesinnenminister ist der CSU-Politiker für deren Behandlung, um es neutral zu sagen, künftig ganz offiziell zuständig, und im Zentrum seiner Pläne steht etwas, das er „Ankerzentren“ nennt. 

Nein, das ist keine neuartige Einrichtung, um Schiffe in Häfen besser anzuleinen. Anker steht für Ankunft, Entscheidung, Rückführung. In diesen Zentren – die wohl eher Lagern ähneln werden – sollen ankommende Asylsuchende so lange untergebracht werden, bis ihre weitere Perspektive geklärt ist. 

Mit dem feinen Wort Rückführung ist die wesentliche Zielrichtung schon benannt: Abschiebung. Man hätte ja auch Integration wählen könne, aber die ist in den Plänen von Seehofer und seiner CSU eher nicht erwünscht. Und außerdem: Was wäre Ankei schon für ein Wort? 

Der Begriff Ankerzentrum ist ein Beispiel für verschleiernde Sprache. Sie wird von Politikern gern eingesetzt, um unliebsame Wahrheiten zu beschönigen. Einige schaffen es sogar in den allgemeinen Wortschatz: Freistellen statt Entlassen oder Sondermüll statt Giftmüll sind solche Beispiele. Das ist einerseits ein Erfolg der Verschleierungsexperten, andererseits untergräbt er aber den Erfolg der Strategie, denn nun verstehen die meisten Menschen unter diesen Begriffen eben doch die harte Wirklichkeit hinter dem schönen Wortgeklingel. 

Das eigentliche Ziel ist ja eine codierte Sprache, in der sich viele Politiker, Entscheidungsträger und leider auch Journalisten verständigen, ohne dass ein großer Teil des Publikums folgen kann. Auch das ist ein Teil der Entfremdung zwischen Bürgern und Staat, den sich Populisten zunutze machen. 

Sie mokieren sich über die angebliche „politische Korrektheit“ vieler politischer Begriffe und rufen zum Tabubruch auf. Aber das ist eine bewusste Fehlinterpretation des Begriffs politische Korrektheit. Das eine – verschleiernder Politjargon – und das andere – Respekt vor Minderheiten – haben überhaupt nichts miteinander zu tun. 

Die Debatte zeigt, dass nicht jede wörtliche Übersetzung auch eine gute ist. Das amerikanische „political correctness“, in den USA entstanden vor allem aus dem Bemühen, die jahrhundertealte Diskriminierung der schwarzen Bürger auch sprachlich zu bekämpfen, ist selbst zu einem politischen Kampfbegriff geworden, der sich gegen seine Anhänger richtet. 

Das funktioniert auch, weil es eine so unbestimmte Formulierung ist. Viel einfacher und eindeutiger ist es zu sagen: Es geht um nichts anderes als um Anstand in der Sprache. Oder, wie der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch gerade seine Streitschrift für eine politisch korrekte Sprache genannt hat: Es ist eine Frage der Moral. Wer es vielleicht noch ganz reizvoll findet, politisch unkorrekt zu reden, wird den Vorwurf, er (oder sie) rede unanständig oder unmoralisch, schon nicht mehr schätzen. Anstand in der Sprache bedeutet, andere Menschen nicht zu diskriminieren. Das ist das Wichtigste. Anstand in der Sprache bedeutet aber auch, offen und transparent zu formulieren, zu sagen, was ist. Damit jeder versteht, was gemeint ist. Das sollten Horst Seehofer und Politiker aller Farben als Erstes verstehen. 

„Sprache ist eine Waffe. Haltet sie scharf“. Das schrieb Kurt Tucholsky 1929, vor fast 90 Jahren. Damals tobte in Deutschland ein Kulturkampf, grob gesagt zwischen rechts und links, der in manchem an die Auseinandersetzungen unserer Tage erinnert. In Ermangelung digitaler Netze und Medien wurde er vor allem in den Kommentarspalten und Feuilletons der Zeitungen geführt, scharf, aber oft auch elegant, nicht zuletzt von solchen Künstlern des geschliffenen Wortes wie Tucholsky einer war. Übrig geblieben ist davon heute nur die Schärfe, wenn man die von jeglichen Hemmungen unberührten Beleidigungsorgien in vielen Netzforen für scharf formuliert hält. 

Der freie Zugang zum Massenmedium Internet und das digitale Tempo haben die öffentliche Kommunikation in den letzten zehn, zwanzig Jahren revolutioniert. Das ist ihrem Niveau nicht gut bekommen, hat sie aber von allen einst mit der Veröffentlichung von Meinungen verbundenen Privilegien und Beschränkungen befreit. Man kann auch sagen: demokratisiert. Jeder und jede kann jederzeit alles kundtun, was ihm oder ihr so einfällt. Kurios ist dabei nun, dass mehr oder weniger rechte Foren eine nicht abschwellende Empörungswelle durchzieht, wonach man in Deutschland nicht mehr alles sagen dürfe. Angeblich verhindert das von den Linken zum Dogma erhobene Gebot der „politischen Korrektheit“ die freie Meinungsäußerung. 

Was für ein Unsinn. Jeder und jede darf in Deutschland Unsinn reden und schreiben, unmoralisch und unanständig. Sie müssen aber mit womöglich scharfen Widerworten rechnen, ganz im Sinne Tucholskys. Das hat nichts mit der Unterdrückung von Meinungsfreiheit zu tun. Das ist Meinungsfreiheit.

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