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Politik und Darmbakterien

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Von: Arno Widmann

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Gysis Antwort auf die Frage, wie er einem Blinden gegenüber sein Äußeres beschreiben würde: „Groß, stark, schlank, mit tollen Locken!“
Gysis Antwort auf die Frage, wie er einem Blinden gegenüber sein Äußeres beschreiben würde: „Groß, stark, schlank, mit tollen Locken!“ © dpa

Worte des Ex-Vorsitzenden: Gysi ist nicht Mao, aber ...

Ein roter Plastikumschlag. Wie das kleine rote Buch, das zig Millionen Menschen schwenkten. Das hier sieht nur so aus wie die berühmte Mao-Bibel, es enthält auch nicht die Worte des Vorsitzenden Mao Tse-tung, sondern die des Vorsitzenden Gysi. Ein Abschiedsgeschenk an den scheidenden Fraktionschef. Es ist witzig, aber unfreiwillig komisch wie sein Vorbild.

Ich liebe Gysis Antwort auf die Frage, wie er einem Blinden sein Äußeres schildern würde: „Groß, stark, schlank, mit tollen Locken!“ Ich liebe auch die Jahreszahlen unter den Zitaten. „Aus der Bedeutung der Justiz für die Monopolbourgeoisie erklärt sich, dass sie den Mangel an demokratischen Einflussmöglichkeiten in der Justiz organisiert und sichert“ (1976) und „Die beste Staatssicherheit ist immer noch die Rechtssicherheit“ (1989).

Man wird davon ausgehen können, dass Gysi, als er 1976 so über den bundesdeutschen Rechtsstaat schrieb, auch die DDR im Auge hatte. Auf sie traf seine Charakteristik ja noch genauer zu.

Es gibt lang vergessene Stichwörter in diesem Buch: Imperialismus, Nationale Befreiungsbewegung, Intellektuelle. Aber auch solche, auf die man nie käme. Die Darmbakterien zum Beispiel als Vorbild für die Arbeit der Linken. Das zeugt von welthistorischem Weitblick und der Bereitschaft zu einer geradezu buddhistisch anmutenden Geduld. Das Zitat stammt wie einige der schönsten dieser Blütenlese aus Gesprächen mit Heiner Müller.

Es gibt kleine Abschnitte darin, die einem zu denken geben. Als die Fernseh-Börsenfrau Anja Kohl ihm klarzumachen versucht, dass einem Bundeskanzler nichts anderes übrig bleibt, als die Bank zu retten, da meint Gysi, das beweise doch, „dass die großen Banken erstens zu groß sind und zweitens öffentlich-rechtlich gestaltet werden müssen.“

Gysi ist ein Meister darin, die Fragen stets auch von einer anderen Seite anzusehen. In der FR geißelte er das Eineinhalb-Minuten-Gesetz der Medien. Man könne, sagte er, nicht alles in Eins-dreißig-Sentenzen ausdrücken. In dem Büchlein aber wird Gysi diesem Gesetz rigoros unterworfen. Und: Er lässt es widerspruchslos mit sich machen!

Wer jemals die Worte des Vorsitzenden Mao Tse-tung gelesen hat, wird sich womöglich an einen der ersten Sätze erinnern: „Will man die Revolution, dann muss man eine revolutionäre Partei haben.“ Gregor Gysi hat uns gezeigt, dass man mit einer revolutionären Partei die Revolution abschaffen kann. Danke!

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