Politik der Bilder

Die Inszenierung der Macht

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Fotos von wichtigen politischen Ereignissen sind häufig inszeniert. Dennoch erzählen sie mitunter eine interessante Geschichte. Die Kolumne.

Es ist schon ein paar Tage her, aber ich bekomme eine Szene aus den politischen Nachrichten der letzten Woche nicht aus dem Kopf. Es sind Fernsehaufnahmen, die Wladimir Putin zusammen mit Dmitri Medwedew nach dessen überraschendem Rücktritt als Ministerpräsident der Russischen Föderation zeigen. Ein Amt, das Medwedew fast acht Jahre innehatte.

Die beiden sprechen miteinander, beinahe ohne Mimik und Gestik, als gelte es, in diesem Moment die politische Normalität als solche abzubilden: ein Arbeitsgespräch unter Staatsmännern. Irgendetwas Wichtiges werden sie einander schon mitzuteilen haben. Die Welt soll es sehen, aber gerade nicht wissen, um was es geht. (Die Fußballprofis haben sich diesbezüglich angewöhnt, die Hand vor den Mund zu halten, damit geübte Lippenleser das womöglich Entlarvende oder auch nur Peinliche nicht zu entschlüsseln vermögen.)

Die Kommentatoren des Politikgeschehens spekulieren bereits seit Tagen darüber, was es mit den angekündigten Änderungen der russischen Verfassung auf sich haben mag. Wladimir Putin regelt seine Nachfolge, und in diesem Arrangement erschien Dmitri Medwedew von Beginn an wie eine dienstbare Konstante.

Man ist geneigt, lustige Sprechblasen hinzuzuerfinden: „Dmitri, du weißt ja, wie das hier läuft“, könnte Putin darin dann sagen, während Medwedews Antwort als ein durch viele Symbole oder auch Urghs und Ähs abgebildetes Schweigen dargestellt werden könnte. Aber das ist womöglich zu viel der Fantasie.

Tatsächlich soll die Szene das vorhandene Machtgefälle, von dem jeder weiß, negieren. Medwedew fügt sich der ihm zugewiesenen Anordnung, als könne es für ihn keine andere Lösung geben – obwohl er Putins Entwurf gar nicht kennt oder gerade weil er ihn kennt. Bemerkenswert an dieser demonstrativ unbeholfenen Kommunikation ist vor allem, dass sie überhaupt in Szene gesetzt wurde. Natürlich haben auch autoritäre Mächte einen hohen Legitimationsbedarf.

Ein ganz anderes Bild präsentierten die Medien von der Libyen-Konferenz im Berliner Kanzleramt. Die Akteure des diplomatischen Protokolls, einige stehend, andere gebückt, umringen Kanzlerin Angela Merkel und einen gebannt zuhörenden Wladimir Putin. Das Foto erweckt den Anschein, dass die in Blau gekleidete Kanzlerin gerade in diesem Augenblick die entscheidenden Worte von sich gibt oder vernimmt.

Das Bild aus Berlin ist ein pressehistorisches Zitat. Die Fotografin Barbara Klemm hatte eine inzwischen ikonografische Szene mit Bundeskanzler Willy Brandt und dem Generalsekretär der KPdSU, Leonid Breschnew, im Jahre 1973 festgehalten und dabei den Eindruck erweckt, als könne man der Geschichte im Augenblick ihres Entstehens – oder auch ihrer Unentschiedenheit – zusehen. Und auch Barbara Klemm hatte mit ihrem sicheren Gespür für den richtigen Augenblick die Dramaturgie ihrer Bildgestaltung bloß erinnert.

Der Maler Adolph Menzel hat in seinem Gemälde zur Rede Friedrichs des Großen vor seinen Generälen vor der Schlacht von Leuthen gleichermaßen eine Blaupause für die Machtinszenierung sowie die dazugehörige Politikberichterstattung geliefert. Keine Atempause – Geschichte wird gemacht. Bilder, die davon künden, aber auch.

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