Kolumne

Pöbeln und pöbeln lassen

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Gegen kreative Berlinbeleidigung habe ich als Berlinerin nichts. Im Gegenteil. Aber warum fällt der Gegenseite nur Dumpfes ein? Ich hätte da bessere Vorschläge.

Als Berlinerin bin ich alles andere als konfliktscheu, ich kann einem gepflegten Streit durchaus etwas abgewinnen. Wer in dieser Stadt nicht untergehen möchte, muss pöbeln und pöbeln lassen.

Insofern habe ich theoretisch auch nichts gegen Berlinbeschimpfungen. Im Gegenteil. Ich lese ganz gerne, für wie kriminell, schlampig und arrogant man uns hält, weil ich mich dann immer gleich ein bisschen cooler und verruchter fühle als ich es in Wirklichkeit bin.

Ich stelle mir eine Art Rap-Battle zwischen Bewohnern deutscher Städte sehr amüsant vor. Gegenseitige Beleidigungen, möglichst kreativ und möglichst treffend. Das hätte für mich großen Unterhaltungswert, aber leider gibt es ja keine anderen Städte in Deutschland.

Umso enttäuschter bin ich dann aber regelmäßig über die konkrete Umsetzung dieser Berlinbeschimpfungen. Annegret Kramp-Karrenbauer etwa sprach kürzlich in ihrer allseits bekannten dumpf-provinziellen Fasnachtsrede von einer Berliner Latte-Macchiato-Fraktion, „die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen“ wolle. Ich glaube, der letzte Latte Macchiato wurde so ungefähr vor acht Jahren in Berlin getrunken. Das geht so dermaßen an der Berliner Kaffeerealität vorbei, dass es weh tut.

Die in Berlin wohnende Autorin Sibylle Lewitscharoff schrieb danach in der Zeitung „Die Welt“, dass man hier nur noch „gendergerecht“ flirte, weshalb „viele junge Leute, die eigentlich in ihren umtriebigsten erotischen Jahren sein müssten, kaum eine körperliche Beziehung wagten.“ Hat sie noch nie von Tinder gehört? Von „Netflix and Chill“? Oder gar vom KitKatClub?

Sowohl Kramp-Karrenbauer als auch Lewitscharoff bedienen das zurzeit gängige Narrativ einer Stadt, in der der sogenannte „Genderwahnsinn“ herrscht. Dieser führe nun dazu, dass Männer im Sitzen pinkeln, dass nicht mehr ordentlich gebumst wird und dass angeblich alle nur noch über Unisex-Toiletten reden. Wie ausgedacht können Behauptungen sein, frage ich mich. Ist es nicht vielmehr Genderwahnsinn, wenn man beim Kauf eines Strampelanzugs für Säuglinge gefragt wird, ob er für ein Mädchen oder für einen Jungen ist? Oder wenn man Produkte für erwachsene Frauen daran erkennt, dass sie pink sind? Da beides in Berlin gang und gäbe ist, kann es mit der völligen Gleichmachung der Geschlechter ja nicht so weit her sein.

Diese Vorwürfe jedenfalls sind zu konstruiert, um eine ordentliche Replik zu verdienen. Wenn also von der Gegenseite nichts Gescheites kommt, dann würde ich hier gerne selbst ein paar Themen vorschlagen, mit denen man uns mal angreifen könnte:

Warum geben wir uns in Berlin gerne so kapitalismuskritisch, vermieten unsere Wohnungen aber immer noch über Airbnb? Wieso treten wir so großspurig als „Founder“ auf, wenn wir doch nur die 363. Einkaufslisten-App programmieren? Und wieso unterscheiden wir zwischen „echten“ und nicht gebürtigen Berlinern, so als seien wir ein Allgäuer Bergdorf?

Das, liebe Berlingegner*innen, könnten doch Ansätze sein, um eure Hauptstadt zu ärgern. Da wäre ich auch mal auf unsere Antworten gespannt.

Dass Menschen hier versuchen, andere ein bisschen weniger zu diskriminieren, kann doch kein Angriffspunkt sein. Damit schmähen die Kritiker doch am allermeisten sich selbst.

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