Manchmal wünscht man sich eine gewisse Demut vor dem Mittelmaß - gerade in Zeiten von Trump.
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Manchmal wünscht man sich eine gewisse Demut vor dem Mittelmaß - gerade in Zeiten von Trump.

Trump & Co.

Plumpe Großmäuligkeit

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Angesichts der Attitüden von Trump und anderen Darstellern der Macht verspüre ich das Bedürfnis, eine gewisse Demut vor dem Mittelmaß zu bekunden.

Eine frühere Kollegin erzählte in einem ungeschützten, launigen Moment von ihrer kurzen Karriere als Popstar. Sie sei Ende der 80er Jahre Sängerin in einer Band gewesen, irgendwas zwischen Punk und New Wave. Die Stilrichtungen waren damals noch nicht so ausdifferenziert wie heute. 

Nach einiger Zeit habe sie der Ehrgeiz gepackt, erzählte sie, eigene Songs zu schreiben. Tagelang habe sie getüftelt, und unter anderem sei dabei die Zeile herauskommen: „Auch Mittelmaß bringt Spaß“. Es wurde kein Hit, die Jungs der Band weigerten sich, so etwas zu spielen. Mit einem affirmativen Bekenntnis zum Mittelmaß wollten sie nichts zu tun haben. Man war radikal, kritisch, exzessiv – aber doch nicht mittelmäßig.

Ich fand ihre Liedzeile super, der Rest des Stücks war es wahrscheinlich auch. Musik macht die Kollegin nicht mehr, dafür lese ich ihre meist sehr klugen Wirtschaftsanalysen regelmäßig und gern. 

Dass niemand mittelmäßig sein will, mag nachvollziehbar sein. Aber muss deshalb jeder von sich behaupten, der Größte zu sein? Ich wurde kulturell geprägt in einer Zeit, in der das nur einer durfte. Als er laut herausschrie: „I am the Greatest“, hieß er noch Cassius Clay. Der Spruch war keine vollmundige Behauptung. Der Boxer, Dichter und muslimische Prediger Muhammad Ali war GOAT, Greatest of All Time. 

Das Bild, das sich mir von ihm eingeprägt hat, ist aber nicht das von dem überlegenen Faustkämpfer, der über einen Konkurrenten triumphiert. Wenn ich an Muhammad Ali denke, schwebt im buchstäblichen Sinn der Seilspringer vor meinen Augen.

Die harte körperliche Arbeit, die das Boxtraining auch bedeuten musste, löste er auf in federleichte Bewegungen von verzückender Eleganz. Passend dazu habe ich mir einen Aphorismus von Ali gemerkt: „Wenn ich Dir sage, Mann, dass eine Fliege den Pflug ziehen kann, dann frage nicht, wie: sondern spann sie an.“ Muhammad Alis Stärke bestand also nicht nur aus körperlicher Kraft und Schnelligkeit, sondern auch aus poetischer Intelligenz. Sie hat nichts zu tun mit der plumpen Großmäuligkeit, mit der inzwischen jeder meint, durchkommen zu können. 

Ich möchte nicht amerikanischer Präsident werden, nicht einmal bayerischer Ministerpräsident. Angesichts solcher Machthaberdarsteller verspüre ich das Bedürfnis, eine gewisse Demut vor dem Mittelmaß zu bekunden. 

Die Verkäuferin in dem Getränkeladen zum Beispiel, bei dem ich morgens meine Büroration Mineralwasser kaufe. Woher nimmt sie nur diese gute Laune? Oder der Koch in der Kantine, der ziemlich genau weiß, dass er keinem Gourmetladen vorsteht, und doch ein verlässliches Maß an Professionalität verkörpert. Oder der Krankenpfleger meiner Mutter, der seine Meinung nicht aufdrängte, dann aber sachlich und einfühlsam Auskunft gab, als wir nach seiner Einschätzung fragten. 

In seinem Essayband „Mittelmaß und Wahn“ hat Hans Magnus Enzensberger sich bereits Ende der 80er Jahre an einer bescheidenen Rehabilitierung des Mittelmaßes versucht. Der Dichter und Schriftsteller war dabei den Exotismen auf der Spur, die stets auch im Gewöhnlichen zu finden sind. Das Buch erschien ungefähr zu der Zeit, als meine Kollegin ihre schöne Zeile über Mittelmaß und Spaß sang. Das hatten die Jungs der Band natürlich nicht gelesen. 

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